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FRANZISKA KUNZ // MAX BURI // bildnis eines rothaarigen mädchens // 1911


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Wie sie mich wieder alle ansehen. Schrecklich. Ja, ja, gafft nur, ihr angepassten Spiesser, ihr blöden Wichtigtuer. Mir ist es egal. Ich kann auf euch alle gut und gerne verzichten und ich werde nie, nie so werden wie ihr. Nie im Leben! Am liebsten würde ich... aber direkt in den Magen dieses Mal. Nein, einmal war wohl doch genug. Mutter schämt sich für mich. Ich kann es sehen. Sie hat wieder diese hektischen, roten Flecke im Gesicht. Auch am Hals und bis in ihren Ausschnitt hinein. Ihr ganzer faltiger Busen ist wohl von diesen ekligen roten Flecken bedeckt. Soll sie sich doch schämen. Ich tu es jedenfalls nicht! Sie war ja auch selbst schuld, diese Pute. Wie sie wieder alle lächelten, Tante Hannah, Luisa und mitten drin Seraphin in ihrem grünen Seidenkleid. Die anständige, liebe Seraphin, die nie irgendjemandem etwas zu Leide tun würde, wie sie so dastand in ihrem grünen Flattergewand. Grün wie die Hoffnung, ja, ja.

Bald wird wohl Onkel Viktor kommen und mich „zur Vernunft bringen“. Was für eine schrecklich peinliche Situation für meine Mutter! Seraphin steht da und heult. Na ja, eine Glanzleistung war es ja vielleicht wirklich nicht von mir... und dann auch noch an Opas Geburtstag.

Aber ich passe ja sowieso nicht in die Familie. „Wo du bloss deine roten Haare herhast... das ist mir immer wieder ein Rätsel“, ich kann die Stimme von Oma förmlich hören. „Und deine Postur... na, von unserer Seite hast du die bestimmt nicht, das muss dir dein Vater vererbt haben. Hahaha.“ Ihre Stimme ist ganz klebrig vor geheucheltem Interesse und gezwungener Freundlichkeit. Ein Wunder, dass ihre Stimmbänder nicht schon längst zusammengeklebt sind. Wie kann man nur so falsch sein! Langsam beginnt die Sache mir Spass zu machen. Alle stehen sie da und stecken die Köpfe zusammen. Paul versucht, die heitere Stimmung wieder herzustellen, doch es will nicht so ganz gelingen. Der arme, dumme Paul; auch er ein Sklave ihrer Falschheit. Wenigstens ist er zu doof, das zu merken. „Wirklich, das ist das letzte Mal! Dieses Gör gehört in eine Anstalt!“, „August, ich bitte dich, versündige dich nicht!“. Mutter legt Onkel August, ja, ich soll diese aufgeblasene Kröte Onkel nennen, beschwichtigend die Hand auf den Arm.

Wirklich, furchtbar peinlich für meine Mutter. Fast könnte sie einem Leid tun. Tut sie aber nicht. Sie hat ja Seraphins gezischelte Worte auch nicht gehört, als ich vorbeigegangen bin. „Na, Pummelchen, wann ist es denn soweit?“. Giftdurchtränkte Worte, umhüllt von einem zarten Lächeln und einem Blick, der kein Wässerchen trüben könnte. Da hab ich zugeschlagen. Mitten ins Gesicht. Ich konnte nicht anders. Jetzt kommt Onkel Viktor. Na endlich, alter Knabe, wurde aber auch Zeit. Trotzdem ich weiss, was mir jetzt blüht, bin ich Viktor fast dankbar weil er als Einziger von diesem ganzen Pack seinen Allerwertesten hochgekriegt hat.

Ich werde mich nicht wehren , ich werde willig mit ihm gehen und mir seine Predigt anhören, Mutters Tränen ansehen und vielleicht sogar Besserung geloben. Aber eins werde ich ganz bestimmt nicht: klein beigeben. Nie!


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* Ich finde die Beschreibung sehr passend und sehr gut. Sie holt etwas aus dem Bild heraus! Das Bild passt genau dazu.

* Selten so lebendige Beschreibung eines faltigen Busens. Spannende parapsychologische Abhandlung über interhumane Beziehungen und die Komplexität der kontraridikulären Kontrastgebilde auf molekularer Zusammenhangsbasis. (Yves Suter & Management)

*Zuerstmal dankeschön liebe Franziska, dass Du unserem Kunsthaus Dein Vertrauen geschenkt hast und eines unserer Bilder unter die Lupe genommen hast und wünsche Dir viel Erfolg für die Matur. Dann möchten meine Mitarbeiter und ich Deine Mutter herzlich zu ihrem gewonnenen Buch becklückwünschen. Als ich mich mit diesem Mix aus Deinem Text und meinem Bild beschäftigte, dachte ich an ein Mädchen, das ich mal irgendwo irgendwann getroffen hatte. Sie war klein wog meiner Schätzung nach 87 kilo, ass einen hot dog, hatte kaputtes aber blond gefärbtes Haar. Das Unfassbare war, dass sie knallenge miss sixty jeans und noch ein engeres Oberteil trug. Es sah einerseits lustig aus wie das Fett um ihren Bauch rumtanzte andererseits fragte ich mich ob es Leute gibt, die das schön finden. Ich konnte nicht verstehen wie man so unharmonisch sich in der Öffentlichkeit zeigen kann und doch so selbwusst wirkt. Sehr paradox. Für Bruchteile von Sekunden verstand ich die Welt nicht mehr. Es war wie ein Fünfminutenschlaf nachdem man aufwacht und versucht seineGedanken neu zu sortieren, und genau das tat ich. Eifrig dachte ich darüber nach, was Schönheit bedeutet. Ist es schön wenn jemand lange Fingernägel hat? Bin ich schön wenn ich mit Dreitagebart oder glattrasiert unterwegs bin? Muss man im Winter Pelz tragen um schön zu sein? Muss unsere Freundin, Frau, Verehrerin in transparente Wäsche, Strapsen und push up bh im Bett eingehüllt sein, damit wir sagen:"Schatz, du bist umwerfend?" Welcher Duft ist eigentlich schön? Hugo woman, Chanel,Gaultier, Joop oder doch D&C? Oder ist es doch besser mit abstehnden Ohren, krummer Nase, Pickel und Augenringen herumzuirren? Dieses Durcheinder in meinem Kopf hielt ich nicht mehr aus, und wenn es mal so weit ist, fallen mir die unglaublichsten Sachen ein, wie speziell in dieser Situation der Spruch: Schön ist, was du mit Liebe siehst.Also verehrte Kantischüler, denkt mal darüber nach! (Marc)