Das Spiegelbild Friedrich Mergels

Fragestellung:
  • Welche Rolle spielt Johannes Niemand für die Novelle „Die Judenbuche“ von Annette von Droste-Hülshoff und für Friedrich?

Interpretationshypothesen:
  • Johannes Niemands Charakter widerspiegelt versteckte und vergessene Eigenschaften Friedrichs.
  • Sein Charakter repräsentiert Friedrichs Vergangenheit.
  • Durch Johannes wird der Charakter Friedrichs ergänzt.

Friedrich Mergel wächst in einer schwierigen Familiensituation auf. Die Ehe seiner Eltern bröckelt, da sein Vater ein schwerer Alkoholiker ist. Friedrich Mergel ist ein ruhiges Kind. Besteht allerdings der kleinste Anlass, wird er ängstlich und beginnt zu schreien, zu heulen und um sich zu schlagen, da er sich nicht anders zu helfen weiss. Nach dem Tod seines Vaters beginnt er, hitzig zu werden. Ansonsten ist Friedrich ein schüchterner Junge, der hilflos, unsicher und verloren wirkt in der Welt und oft nicht einschätzen kann, wie er auf manche Situationen reagieren soll. Mit 12 Jahren prägen sich allmählich markante, negative Eigenschaften aus.

Nachdem er von seinem Onkel adoptiert wird, treffen die Mutter und der Leser zum ersten Mal auf Johannes Niemand. Genau in diesem Augenblick beginnt sich Friedrich drastisch zu ändern. In Anwesenheit Johannes’ wirkt er egoistisch und überheblich. Wenden wir uns nun den Eigenschaften Johannes Niemands zu, fällt auf, dass diese ausnehmend mit denjenigen des Kindes Friedrich Mergels übereinstimmen. Johannes ist sehr unsicher und von Selbstzweifeln geplagt. Er ist sehr ruhig, bescheiden und widerspricht Friedrich nie, er ist zurückhaltend und schüchtern, genau wie es Friedrich als Kind zu sein pflegte. So sehe ich meine erste These bestätigt, dass Johannes Friedrichs Vergangenheit repräsentiert. Im Laufe der Geschichte wird Friedrich immer stärker. Je grösser sein Ansehen wird, desto erbärmlicher wirkt das Leben Johannes’. Die Kurven der Lebensgeschichten der beiden Jungen verlaufen entgegengesetzt. Man kann folglich sagen, dass die beiden Charaktere ein Ganzes bilden.

Ausserdem repräsentiert Johannes neben Friedrichs Vergangenheit auch dessen Zukunft: nach der Rückkehr von Friedrich verschmelzen die beiden Persönlichkeiten zu einer. Dies geschieht dadurch, dass sich Friedrich als Johannes ausgibt. Den Grund für die Verschmelzung der Personen sehe ich darin, dass Friedrich Mergel während seiner jahrelangen Abwesenheit körperlich und seelisch gebrochen ist. Sein noch immer existenter Egoismus und seine Überheblichkeit hätten es ihm unmöglich gemacht, als Friedrich ins Dorf zurückzukehren. Als sein Leben wieder jämmerlich wird, kann er mit der Situation nicht mehr umgehen und begeht Selbstmord. Ich sehe einige Parallelen zwischen Friedrichs letzten Momenten und denen, die er als Kind erlebte. Er ist gedemütigt und in seinem Ehrgefühl verletzt, er hat sein Ansehen verloren und niemand interessiert sich wirklich für ihn. Wahrscheinlich fühlt er sich auch einsam. So lebt er als Johannes Niemand wiederum das Leben des neunjährigen Friedrich Mergels. Er kann nicht damit umgehen, dass der Verlauf des Lebens ihn wieder an dessen Anfang zurückbringt.