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Irene Ackermann // Wilfried Moser // Métro

14 Jan 2005 - 00:25 | Version 3 |

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Holzlatten, Plakatfetzen, Farbflecken

Vernagelt mit rostigen Nägeln, einige Latten parallel, dann wieder welche senkrecht dazu, eine Wand aus Holz.

Stallgeruch erfüllt den Raum, die Augen müssen sich zuerst an die Dun-kelheit gewöhnen. Nur wenige Sonnenstrahlen dringen durch die Ritzen in der Wand, in ihnen tanzt der Staub. Die Luft ist stickig warm, es ist still. Nur vereinzelt hört man das Rascheln einer Maus im trockenen Stroh, das leise Blöken eines Schafes oder das Schnauben eines Pferdes. Das frische Heu duftet süsslich, es lässt den Geruch des Sommers erahnen. Schemenhaft erkennt man die Umrisse einer Pferdebox, gezimmert aus einfachen Holzlatten.

Es ist bitterkalt, selbst der Staub scheint eingefroren. Die Luft riecht abgestanden. Es ist totenstill. Atemwölkchen lösen sich in nichts auf. Der Duft des frischen Grases lässt sich nur mehr erahnen, an seiner Stelle hängt ein feiner Gestank nach Motoröl in der Luft. Das kalte Licht einer Neonröhre erhellt die Scheune. Ein grosser Traktor steht in der Mitte, das grüne Metall ist eiskalt. An der Maschine mit spitzen, kalt glänzenden Messern klebt kein Grashalm mehr. Verschiedene Töpfe, angeschrieben mit Motoröl, Traktorfarbe gelb, stehen aufgereiht an der Wand und verströmen diesen dünnen Chemikaliengestank. In einer dunkeln Ecke liegen einige zusammengefaltete Plachen und neben ihnen, ein achtlos hingeworfener Haufen Holzlatten.

Zerfetzte Überreste eines gelben Plakates, beinahe in der Form eines F, darüber ein fast mathematisches Rechteck, blauer Grund, zwei weisse e, aber auf dem Kopf.

Ein trüber, nasskalter Novembertag. Der Nieselregen ist kaum erkennbar, dafür durchfeuchtet er die Plakate so richtig. Für lausige 20 Rappen pro Stück hässliche, gelbe Plakatwerbung für eine ortsansässige Schreinerei aufhängen: ein schlecht bezahlter Nebenjob, wenn einem die bissige Kälte tief in die Knochen kriecht. Der Geruch der feuchten Holzwand vermischt sich mit dem beissenden Gestank des Leims. Wassertropfen fallen vom Dach, ihr Aufklatschen in der grossen Pfütze vor der alten Scheune erzeugt beinahe ein Melodie. Die Luft ist so feucht, dass ein feiner Schleier über der Strasse zu liegen scheint. Obwohl es erst vier Uhr ist, kriecht bereits die Dämmerung aus dem Wald und ein neues Werbeplakat überdeckt die alten Plakatfetzen.

Die Sonne brennt richtiggehend vom strahlend blauen Himmel, es hat schon tagelang nicht mehr geregnet. Die Luft ist schwül und drückend heiss. Selbst Plakate aufhängen ist zu anstrengend in dieser Gluthitze. Der Schweiss rinnt in einem kleinen Bach den Rücken hinunter. Aus dem grossen Busch neben der alten Scheune strömt ein beissend süsslicher Gestank. Kein Windhauch zerstreut ihn, diesen Geruch der Verwesung. Das Zirpen der Grillen ist verstummt, alles scheint erstarrt, gefangen in der Hitze des Juli. Nur in weiter Ferne ist das Gekreische der Kinder aus der Badeanstalt zu hören. Das letzte Plakat, in Gedanken an ein kühles Bad, verkehrt aufgehängt, wird wieder heruntergerissen, zurückbleiben frische, blaue Plakatfetzen.

Ursprünglich einmal weiss getüncht, nun fünf blaue Latten und drei gelbe, des weiteren Kritzeleien, aber nicht mit Stiften gezeichnet, sondern mit Pinsel und schwarzer Farbe gemalt.

Diese zwei Farbkübel waren einsam, zu einsam, wie sie an der Ecke zum Malergeschäft standen. An diesem schönen Frühlingstag im Mai werden sie gebraucht. Im grossen Busch neben der alten Scheune zwitschert eine junge Amsel. Sie lässt sich durch das aufgeregte Kindergelächter nicht stören. Ganz im Gegenteil die weiss-braun gefleckte Promenadenmischung des Bauern, der intensive Geruch nach Farbe hält ihn in gebührendem Abstand zur Scheune. Kein Mensch ist zu sehen, ausser dreier lachender Kinder, die sich an Verbotenem freuen. Die frische Farbe glänzt noch, als sie die Wand verlassen, stolz auf ihr Werk aus Farbflecken.

Die Sonne vermag nicht mehr lange zu wärmen. Ein vorwitziges Rotkehlchen sitzt auf dem Dach der alten Scheune und zwitschert sein Herbstlied. Der dicke Pinsel lässt sich nicht leicht über die Holzwand führen, immer wieder stockt der schwarze Pinselstrich an den Unebenheiten des Holzes. Der feine Geruch nach Lösungsmittel wird schnell von der leichten Bise vertrieben. Sie lässt einen bereits frösteln. Der grosse Busch neben der alten Scheune trägt rot glänzende Früchte und eine rot getigerte Katze räkelt sich in den letzten Strahlen, welche die Sonne über den Hügel schickt. Bereits liegt die Scheune im Schatten und mit ihr die noch feuchten, schwarzen Farbflecken.

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