Thesenblatt KASSANDRA

Schwerpunkte:

- Veränderung im Machtsystem: vom Matriarchat zum Patriarchat
- Die wichtigsten Figuren des Romans als Prototypen für verschiedene menschliche Verhaltensweisen
- Die Rolle der Kassandra als Frau zwischen allen Fronten

Uns interessiert am Roman Kassandra besonders die Auswirkungen der gesellschaftlichen Strukturen, sprich, die Veränderung vom Matriarchat zum Patriarchat, auf die Stellung der Frau und auf den Krieg. Damit verbunden sehen wir die verschiedenen Figuren des Romans als Prototypen dieses Machtsystems. (Hektor, Achill, Penthesilea, Polyxena, Eumelos, Aineas & Anchises) Ausserdem interessiert uns die Figur der Kassandra als unverstandene Seherin und als Frau, die sich gegen das patriarchalische System wehrt und einsieht, dass sie machtlos ist und es zwischen Töten und Sterben noch ein Drittes gibt - Leben.
Ausserdem interessiert uns die Frage, wie und wann der (Vor)Krieg beginnt und ob es, wenn man diesen Zeitpunkt erkannt hat, nicht schon zu spät ist.

Arbeitstagebuch

14 Jan 2005 - 00:25 | Version 16 |
26.10.04 (erste Schreibversuche kläglich gescheitert - beim Titel stehengeblieben)

Interpretation KASSANDRA (Christa Wolf)


16.11.04 (Interpretation anfangen zu schreiben - erste Versuche, Gedanken, Stichworte)

Interpretationshypothese:
- Der Roman Kassandra von Christa Wolf ist in seinem Kriegsgeschehen eins zu eins mit der heutigen Zeit vergleichbar.
- Christa Wolf beschreibt im Roman Kassandra das aktuelle Kriegsgeschehen anhand des über 2000 Jahre alten trojanischen Krieges.
- ...

Einleitung
Kassandra - Lieblingstochter des Königs Priamos von Troja, vom Gott Apollon zur Seherin verurteilt, Gegnerin des trojanischen Krieges und doch eine echte Troerin – eine Frau zwischen allen Fronten. Kassandra lässt in den letzten Stunden vor ihrem Tod ihr ganzes Leben nochmals vor ihrem geistigen Auge durchlaufen. Sie will abschliessen mit ihrem Leben, damit ins Reine kommen um in Ruhe sterben zu können. Denn sterben wird sie – das weiss sie, wusste sie schon immer. Wie sie auch wusste, dass Troja untergehen würde. Als Seherin hatte sie diese Gabe, diese Kraft, dieses Schicksal, diese Bürde alles vorherzusehen, als Einzige alles vorherzusehen. Damit verbunden war auch ihr Schicksal, dass ihr niemand glauben würde. Gefangen von den Griechen, in einem Korb gefangen, nimmt Kassandra Abschied von ihrem Leben indem sie ihr Leben in Gedanken noch einmal lebt. In einem inneren Monolog erzählt sie mir, der Leserin, ihr Schicksal und damit auch das Schicksal von Troja und kommt zum Schluss, dass der Krieg nicht verhindert werden konnte, auch durch sie nicht. Kassandra kämpft gegen das patriarchale Machtsystem in dem sie aufwächst, denn eine Frau wie sie, eine Seherin, der nicht geglaubt wird, kann in einem solchen System nicht bestehen, das macht sie uns klar. Kassandra sucht ihre Identität zwischen Königstochter und ihrer Rolle als Seherin – sie steht in einem inneren Konflikt mit sich selber. Christa Wolfs Roman Kassandra, der zur Zeit der DDR geschrieben wurde, beschreibt an einem Krieg, der sich vor über 2500 Jahren ereignete, das in den 80er Jahren aktuelle Kriegsgeschehen. Troja gegen die Griechen, Ost gegen West. Priamos gegen Agamemnon, Ost gegen West. Die Aufrüstung beider Seiten zum Krieg, die Vorbereitungen, das Aufheizen zum Kampf, in Troja und Griechenland, wie auch in Ost und West. Kassandra rüttelt auf, setzt Fragezeichen, Ausrufezeichen, öffnet die Augen – an einem 2500 Jahre alten Mythos stellt sie die, in den 80er Jahren aktuelle, so wie auch die heutige Situation ohne Umschweife klar und deutlich dar. Die Wiederholung des Mythos in jeder einzelnen Kriegssituation. Kassandra die Seherin will das blinde Volk, heute und damals, aufklären, aufrütteln – doch ist es wenn man dann endlich sieht, erkennt, nicht schon zu spät? Kassandra sagt ja, und damit ist sie befreit, entlastet von ihrer Schuld. Ihre Schuld als Seherin, den Untergang vorauszusehen und doch nichts dagegen tun zu können. Doch können nicht wir etwas lernen aus dem was Geschehen ist vor 2500 Jahren, aus dem sich immer Wiederholenden, können nicht wir von Kassandra lernen und die Augen aufmachen, uns von den Blinden lösen und sehen, damit einen weiteren Krieg verhindern? Ich sage nein, denn dann, wenn wir sehen und erkennen, ist es bereits zu spät.

Erste Leseerfahrung
Zu Beginn der ersten Lektüre von Christa Wolfs Kassandra war ich sehr gespannt, neugierig. Neugierig auf die Auslage des trojanischen Krieges aus der Sicht einer Frau, gespannt auf ihr Schicksal. ....


18.11.2004 (Weiterarbeit an der Interpretation, klarere Ordnung und Struktur)

Einleitung
Kassandra - Lieblingstochter des Königs Priamos von Troja, eingebunden in ein patriarchalisches Machtsystem ist sie eine Kämpferin für die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Vom Gott Apollon zur Seherin, vom Volk zur Heuchlerin verurteilt; Gegnerin des trojanischen Krieges und doch eine echte Troerin – Kassandra, eine Frau zwischen allen Fronten. Kassandra lässt in den letzten Stunden vor ihrem Tod ihr ganzes Leben nochmals vor ihrem geistigen Auge durchlaufen. Sie will abschliessen mit ihrem Leben, sich selber vergeben, sich selber verstehen und mit sich ins Reine kommen um in Ruhe, befreit von aller Schuld und Last, sterben zu können. Denn sterben wird sie – das weiss sie, wusste sie schon immer. Wie sie auch wusste, dass Troja untergehen würde. Als Seherin hatte sie diese Gabe, diese Kraft, dieses Schicksal, diese Bürde alles vorherzusehen, als Einzige alles vorherzusehen. Damit verbunden war auch ihr Schicksal, dass ihr niemand glauben würde. Gefangen von den Griechen, in einem Korb gefangen, nimmt Kassandra Abschied von ihrem Leben indem sie ihr Leben in Gedanken noch einmal lebt. In einem inneren Monolog erzählt sie mir, der Leserin, ihr Schicksal und damit auch das Schicksal von Troja und kommt zum Schluss, dass der Krieg nicht verhindert werden konnte, auch durch sie nicht.

Erste Leseerfahrung
Zu Beginn der ersten Lektüre von Christa Wolfs Kassandra war ich sehr gespannt, neugierig. Neugierig auf die Auslage des trojanischen Krieges aus der Sicht einer Frau, gespannt auf ihr Schicksal. Ernüchtert stellte ich dann zuerst fest, dass die Erzählung von Kassandra sich nicht auf dem abstützte, wie ich die Geschichte des trojanischen Krieges bereits ein wenig kannte. Achill war kein Held, sondern ein Vieh. Helena kam nie wirklich in Troja an, sie war nur ein Scheingrund, den Krieg endlich anzufangen. Der ganze Krieg dauerte über 10 Jahre und nicht wie ich gedacht hatte nur ein paar Wochen. Auch verloren Hektor und Paris und der grösste Teil der heldenhaften Männerwelt durch Kassandras Schilderung plötzlich ihre Heldenrollen und überhaupt hatte ich von Kassandra noch nicht mehr gehört, als dass sie eine Seherin in Troja gewesen war. Auch machten mir die vielen verschiedenen Namen und Personen anfangs Mühe, es war schwierig für mich den Überblick zu behalten und die Figuren jeweils richtig einzuordnen. Mit der Zeit und vor allem mit der zweiten Lektüre des Romans behob sich dieses Problem jedoch von selber. Ich wusste langsam wer wer war und wie die jeweilige Person in Verbindung zu Kassandra stand und dies machte auch die ganze Erzählung sofort um einiges spannender. Auch war der Schreibstil von Christa Wolf zu Beginn nicht immer einfach. Da Kassandra uns ihre Geschichte in einem inneren Monolog mitteilt, sind die Sätze oft abgehackt und ihre Gedankensprünge manchmal schwierig nachzuvollziehen. Doch auch an diese Spezialität des Romans, die schlussendlich einen grossen Teil seiner Genialität ausmacht, gewöhnte ich mich nach und nach. Nach der zweiten Lektüre von Kassandra und ausgiebigen Gesprächen und Diskussionen mit Gerda, die zum Verständnis und der darauf folgenden Begeisterung für den Roman wohl am meisten beitrugen, werde ich dieses Buch nie mehr aus den Händen geben, denn ich bin tief beeindruckt von diesem absolut genialen Werk.

Klärung des Verstehenshorizonts
Die historische Distanz zwischen mir als Leserin zum gegenwärtigen Zeitpunkt und dem Roman als solches aufgeschrieben von Christa Wolf ist nicht sehr gross. Es liegen 22 Jahre zwischen der Entstehung von Kassandra und meiner Lektüre davon. Somit bestehen eigentlich keinerlei Verständnisschwierigkeiten was das Vokabular, die gebrauchten Ausdrücke und Begriffe angeht. Es ist aber doch noch anzumerken, dass 22 Jahre in der Literaturgeschichte zwar an sich keine sehr lange Zeit ist, dass aber gerade in der Zeit, in der der Roman Kassandra geschrieben wurde, sehr viel an Weltgeschehen passiert ist und sich somit doch vieles seit jener Zeit verändert hat. Man muss aber auch beachten, dass die Distanz zwischen dem heutigen Zeitpunkt oder auch dem Entstehungszeitpunkt von Kassandra und der Zeit in welcher der Roman sich abspielt sehr gross ist – der trojanische Krieg liegt über 2500 Jahre zurück. Und um diese Geschehnisse, diesen Mythos um diesen Krieg wirklich zu verstehen, aus Kassandra Sicht zu verstehen, sind doch einige Vorkenntnisse nötig oder zumindest von Vorteil, wenn man Christa Wolfs Kassandra vollständig erfassen will.

Textbeschreibung
Als wichtigsten Punkt möchte ich die Erzählform ansprechen, in der Kassandra geschrieben ist. Der ganze Roman, ausgenommen vom Anfang und vom Schluss, wird von Kassandra als Ich-Erzählerin in einem inneren Monolog erzählt. Die ersten paar Zeilen am Anfang und die letzten wenigen am Schluss des Buches übernimmt ein anonymer Erzähler in der 3.Person die Erzählaufgabe. Dies hat die Wirkung eines Kreislaufes, der sich schliesst. Am Schluss stehen wir beinahe am selben Ort wie schon zu Beginn – nämlich kurz vor Kassandras Tod. Zeitlich gesehene liegen zwischen dem Anfang und dem Schluss also nur ein paar Stunden, dies ist praktisch zeitdeckend mit der Zeit, die man benötigt um den Roman zu lesen. In diesen paar Stunden durchlebt Kassandra aber ihr ganzes Leben noch einmal und kommt dann am Schluss vom Roman, am Schluss von ihrem Leben in die Gegenwart zurück; einem linearen Ablauf folgend. Da sie am Schluss die letzten Sätze selber nicht mehr sagen kann, da sie schon getötet wurde, übernimmt dies ein Erzähler für sie. Dass sie nicht von ganz Anfang an erzählt, interpretiere ich so, dass sie da noch nicht angefangen hatte über ihr Leben zu reflektieren. Zu diesem Zeitpunkt, wo sie anfängt zu erzählen, fängt sie auch an, sich alle die Gedanken zu machen. Das Buch zu lesen ist für mich, wie wenn ich neben ihr sitzen würde und sie mir in den letzten Stunden ihres Daseins kurz vor ihrer Hinrichtung, ihre Geschichte, ihr Leben erzählen würde. Im Zusammenhang mit Kassandras Erzählweise ist noch zu sagen, dass sie sehr asynchronisch erzählt. Ohne Vorwarnung wechselt sie von der Vergangenheit in die Gegenwart und auch in der Vergangenheit selber springt sie von einem Ereignis zum anderen, ohne auf die zeitliche Abfolge zu achten. Damit macht sie es der Leserin zwar schwierig ihr zu folgen, doch wirkt die Erzählform des inneren Monologes wesentlich echter, da Gedanken ja eigentlich nie chronologisch geordnet sind.

Deutung
Der Roman Kassandra ist für mich sowohl eine Kritik am patriarchalen, als auch am matriarchalen Machtsystem mit all ihren Prototypen. Christa Wolf beschreibt und kritisiert die Situation in Deutschland zur Zeit der DDR, welche die Entstehungszeit des Romans war, anhand eines über 2500 Jahre alten Krieges. Ich finde es absolut erstaunlich und zu einem Teil auch sehr erschreckend, wie leicht man das Verhalten der Menschen in einer antiken Kriegssituation auf jegliche, bis zum heutigen Tage hin, fast identische solcher Situationen übertragen und vergleichen kann. Daher möchte ich folgende Deutungsansätze an Kassandra bearbeiten:
Die Menschen haben sich seit dem trojanischen Krieg in ihrem Macht – und Kriegsverhalten bis heute nicht verändert; noch immer gelten die gleichen Machtsysteme, noch immer bestehen die selben Prototypen und noch immer erkennen wir unsere Blindheit erst, wenn es bereits zu spät ist.


21.11.2004 (Überarbeitung der Hypothese und Schreiben an Deutung)

Überarbeitete Hypothese:
Die Menschheit hat sich seit dem trojanischen Krieg in ihrem Macht – und Kriegsverhalten bis heute, im Jahre 2004, nicht verändert; noch immer gelten die gleichen Machtsysteme, noch immer bestehen die selben Prototypen wie damals (Hektor, Achill das Vieh, Polyxena, Aineias) und noch immer erkennen wir unsere Blindheit erst, wenn es bereits zu spät ist.

Kassandra versucht sich als Frau, als Subjekt in einer von Männern dominierten Gesellschaft zu behaupten. Sie will kein Sexualobjekt sein, will sich nicht den Männern unterwerfen, sich als Frau weniger wichtig erscheinen. Sie kämpft gegen ein Patriarchat, das Männer wie Hektor und Achill zu Helden, Männer wie Aineias zu Verlierern macht und Frauen zu Objekten, das Frauen wie Kassandra schlussendlich keine Chance gibt zu überleben. Kassandra verachtet Achill und jegliche zu Helden hochgejubelte Männer. Nur Aineias kann sie lieben, denn Aineias ist anders. Von der Gesellschaft ist er zum Verlierer abgestempelt, weil er nicht in den Krieg geht und kämpft, doch für Kassandra ist Aineias, zusammen mit seinem Vater Anchises, der einzige Mann dem sie gleichgestellt ist, gleichberechtigt, der sie nicht als Sexualobjekt betrachtet, sondern als das was sie ist, Kassandra. Hektor, Kassandras Bruder, wird sterben, er hat keine andere Wahl. Doch er hat die Wahl zwischen einem Heldentod und einem gesellschaftlichen Tod. Als erster Sohn des Königs kann er sich dem Kampf nicht verwehren, obwohl er weiss, dass er nicht gewinnen kann. Täte er es doch, wäre das ebenfalls sein Ende – sein Vater würde ihn, den Verräter, wohl eigenhändig umbringen. So stirbt er den Heldentod – er war nicht so stark wie Kassandra. Achill das Vieh, wie er von Kassandra genannt wird, ist das Böse in Person schlechthin. Achill ist nicht mal mehr ein Mensch, er ist auch kein Tier, er ist nur noch ein Vieh. Rücksichtslos schlachtet er ab, was ihm in den Weg kommt. Und doch, oder eben gerade darum ist er ein Held, trotz seiner Gnadenlosigkeit, seiner Grausamkeit. Polyxena, Kassandras schöne Schwester, wird als Sexualobjekt von jeglichen Männern missbraucht, zum Mittel zum Zweck gebraucht und stellt somit die typische Rolle der Frau in einem patriarchalischen Machtsystem dar. Alle diese Prototypen dieser geschlechtsspezifischen Rollen kann man meiner Meinung nach auch in unserer Gesellschaft heute noch beobachten. Auch heute sind die meisten Staatsoberhäupter Männer, Frauen haben in gewissen Lebensbereichen noch immer nicht die gleichen Chancen und Rechte wie die Männer, wir leben noch immer in einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft; zwar nicht mehr so ausgeprägt wie früher, doch haben auch wir, 2500 Jahre nach Kassandra die vollständige Gleichberechtigung von Mann und Frau noch nicht erreicht. Noch immer machen sich Frauen zu Sexualobjekten, noch immer werden so viele Frauen aufgrund ihres Körpers, ihrer Schönheit bewertet, beurteilt.

22.11.2004 Endfassung Interpretation

KASSANDRA (Christa Wolf)