You are here: NKSA » DeutschUnterricht » KunstHaus » PaulGauguin1879

Jacqueline Ingold // Les pommiers de l'Hermitage

14 Jan 2005 - 00:25 | Version 3 |

Eine idyllische Irreführung

Vom Betrachten eines Bildes

Blau- was fällt uns dazu ein? Wasser – nein, hier sehen wir nicht Wasser. Himmel – Ja, genau. Der Himmel, wenn er sich von seiner schönsten Seite zeigt. Auf diesem Bild, mit seinem babyblauen Ton, wirkt er sanft und freundlich. Jedoch ziehen auf der rechten Seite einige Wolken auf. Nein, es sind doch eher Wölkchen, flauschig und locker. Nach etwas längerer Betrachtung denke ich nun auch, dass sie abziehen. Ein klarer, sonniger und drückend heisser Tag steht uns bevor. Uns – ja, wer sind denn „wir“? Und wo sind wir eigentlich? Irgendwo auf dem Land, das steht für mich fest. Vor uns drei grosse Apfelbäume, die mächtige Schatten auf den Boden werfen. Die stattlichen Kronen tragen viele dunkelgrüne und bräunliche Blätter, jedoch keine Äpfel. Mich überkommt ein gewisses Hungergefühl. Ach, wie schön wäre es doch, jetzt in einen süss-sauren Apfel zu beissen und dabei im saftigen Gras zu liegen und sich in der Sonne zu räkeln.

Saftig? Nein. Bei näherem Betrachten erscheint der Boden völlig ausgetrocknet und brüchig. Die glühende Sommerhitze – ich merke förmlich, wie mir langsam heiss wird – macht der ganzen Landschaft hier zu schaffen. Alles dürstet. Immer stärker erkenne ich das Leid. Ziehen die Wolken doch auf? Das Bild scheint sich merklich zu verdunkeln und Gewitterstimmung macht sich breit. Ein Gewitter, das käme jetzt wie gerufen. Doch es wird wohl heiss bleiben. Heiss und trocken, und alles wird weiterhin dursten. Warum bin ich bloss der festen Überzeugung, dass dieses Bild das Leiden einer Landschaft darstellt? Ich kann es mir nicht erklären. Doch das will ich auch gar nicht. Ich möchte die Wirkung, die dieses Bild auf mich hat, einfach festhalten. In der Ferne, nahe dem Horizont, erblicke ich ein Gebäude. Ich kneife die Augen zusammen, versuche es ganz genau zu erkennen und bemerke schliesslich, dass es sich um eine ganze Häusergruppe handelt. Um einen Hof, schätze ich. Ob da noch jemand wohnt? Ich sehe ganz genau hin, aber es ist zu klein, zu fern, um Genaueres erkennen zu können.

Plötzlich entdecke ich im Vordergrund eine Figur. Ja, ganz klar erkenne ich den Mann, der da steht und sich bückt. Am Wegesrand steht er. Was er wohl tut? Wohl kaum ist er auf der Suche nach etwas. Viel eher denke ich, dass er Bauer ist - der Bauer des Hofes am Horizont womöglich. Er erledigt die letzten Vorbereitungen für die Ernte. Ich glaube, er schwitzt und wünscht sich nur noch, ins kühle Heim zurückkehren zu können. Er leidet genauso wie die Landschaft unter der scheinbar endlosen Hitzewelle. Dieser Mann, scheinbar unauffällig, ist plötzlich zu meinem Lieblingsdetail geworden. Ich wünschte zu wissen, wie er heisst, ob er wirklich von jenem Hof kommt, ob er zu Hause Familie hat, die er versorgen muss. Ich kann es nicht sagen. Er tut mir leid. Und ich stelle mir vor, ich glaube fast ihm zuliebe, dass es Abend wird, die Sonne untergeht und die Luft langsam abkühlt. Ein Tag neigt sich seinem Ende zu. Ich frage mich, ob der nächste wieder gleich sein wird. Ob „mein Bauer“ morgen doch da sein wird. Bevor ich das Bild weglege, stelle ich fest, wie sehr mich dieses Bild in seinen Bann gezogen hat. Diese Figur – ich wünschte sie zu kennen.