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-- SandraHammerer - 29 Jun 2004 Kate.jpg

Die Sehnsucht

14 Jan 2005 - 00:25 | Version 3 |

Beim Betrachten gefiel mir das Bild auf Anhieb sofort. Ich liebe Strände und Meere, ebenso liebe ich es mit meinem Hund draussen zu sein. Ich konnte mich richtig in das Bild hineinversetzen, an die Stelle der jungen Frau. Höre das Rauschen des Meeres, und spüre den warmen Sand unter meinen nackten Füssen. Aber halt, da fehlt etwas, der Wind. Es ist zu ruhig. Obwohl der Wind mit dem Rock zu spielen scheint, fallen die Haare gerade und bewegungslos hinunter. Auch das Meer ist zu ruhig, die Struktur ist beinahe flach, hätte der Maler doch noch die Schaumkronen der Wellen berücksichtigt, dann würde das ganze schon ein bisschen natürlicher und bewegter aussehen. Der Übergang vom Strand zum Meer scheint abrupt gezogen, zu strikt sind die Grenzen. Auch das Wetter auf dem Bild trübt die Ferienstimmung, es scheint ein schöner spätsommerlicher Tag zu sein, dennoch sind die Farben relativ zurückhaltend. Das fällt dem Betrachter der Auberjonoisen Bilder allgemein auf, der Maler liebte es mit tonigen, schweren Farben zu malen, welche die Stimmung meiner Meinung nach dämpfen. Die Figur ist das Zentrum des Geschehens. Sie wirkt in Relation zum Bild sehr gross. Das ovale Gesicht ist sehr ausdrucksstark. Es widerspiegelt die Ernsthaftigkeit der dargestellten Frau. An der Körperstruktur ist deutlich sichtbar, wie der Maler vom nackten Körper der Frau ausging und diesen erst in einem zweiten Schritt bekleidete. Dadurch scheint der Rock stellenweise fast durchsichtig und lässt den Blick auf die Beine frei. Zum Teil scheint mir die Schattierung unpassend, vor allem beim Bauch, der dadurch zu rundlich wirkt. Auf der anderen Seite sieht man die Brüste unter der Jacke kaum, da hier die betonenden Schattierungen fehlen. Die dreieckige Klippe hinten ist eher ein Störenfried, man sieht den Strand bis nach hinten und dann ragt plötzlich grundlos eine Landzunge in das Meer hinein, ohne eine erkennbare Steigung vom Strand. Zudem wirkt das Ganze zu unnatürlich, da die Seiten hier sehr gerade wie von einem Lineal gezogen aussehen. Ich denke mal, die Klippe sollte eigentlich viel weiter hinten sein, doch sie ist zu nah gemalt. Im Gegensatz zu der jungen Frau, die zwar nah gezeichnet, aber in Gedanken in der Ferne weilt.

Betrachtet man die vorangegangenen Skizzen, fällt dem Betrachter zuerst die Entwicklungsgeschichte der Frau und des vorderen Hundes auf. Beide verändern sich- der junge verspielte Hund wird zunehmend ruhiger und älter. Genauso verhält es sich mit der Frau. Vom Jungmädchenhaftem verändert sie sich über ein Zwischenstadium zu einer jungen Erwachsenen. Das Zwischenstadium ist sehr schwer zu beschreiben, es ist beinahe eine undefinierbare Entwicklung, man ist kein Mädchen mehr und trotzdem noch keine Frau. Dabei machen auch die Gesichtszüge eine Wandlung mit. Wirkt sie bei der ersten Skizze still und zurückhaltend, zeigt sie sich bei der zweiten aufmerksamer und schon reifer. Zudem sind die Körperformen fraulicher geworden. Beim Gemälde schlussendlich wirkt das Gesicht ernster und die Körperhaltung entschlossener. Mit der Figur hat sich auch die Umgebung verändert. Das erste skizzierte Bild zeigt nicht viel von der Landschaft, die Aufmerksamkeit liegt viel eher beim Mädchen und ihrem Hund. Bei der nächsten Skizze ist das Meer lebendiger und natürlicher dargestellt. Die Klippe ist nur ansatzweise erkennbar. Ein zweiter Hund hat sich in einem Boot dazu gesellt.

Die frisch verheiratete Frau steht da, emotionslos möchte man meinen. Doch das täuscht, ihre dunklen Augen schauen sehnsüchtig in die Ferne, sie wartet. Dort drüben unter den Fischern steht ihr Ehemann. Ungeduldig hatte sie ihn die zwei Tage , in denen er auf See war, erwartet. Es fiel ihr jeweils schwer, wenn er weg war. Deshalb hatte er ihr zum Geburtstag die beiden Hunde geschenkt, damit sie sich nicht einsam fühlen würde. Vor lauter Ungeduld und Unruhe konnte sie den Mittag nicht mehr abwarten und hatte sich deshalb schon früh auf den Weg gemacht, um ihn mit ihren zwei Hunden abzuholen. Ein bisschen enttäuscht war sie, als sie sah, dass er lieber noch ein bisschen bei seinen Freunden weilen wollte und nicht sofort auf sie zukam. Doch sie wusste, dass sie ihn jetzt des Friedens zuliebe noch ein bisschen lassen, und sich gedulden musste. Das Leben ist nicht einfach als Frau eines Fischers. Um die Familie ernähren zu können, war er manchmal tagelang auf See, bis er genügend gute und grosse Fänge gemacht hatte. Aber viel mehr machte ihr die Ungewissheit, ob er lebend wieder zurückkommen wird, Angst. Ihr Vater, auch Fischer, war vor 13 Jahren in einem heftigen Sturm ertrunken. Die Mutter starb kurze Zeit später bei der Geburt ihres jüngeren Bruders. Niemand konnte sich um Kate kümmern, da ihre Verwandten alle in England lebten. So kam sie in ein Waisenhaus. Mit 17 lernte sie dann den um 5 Jahre älteren Pierre kennen. Jeden Freitag belieferte er das Waisenhaus mit frischen Fischen. Der Zufall wollte es, dass Kate genau am selben Tag jeweils Küchendienst hatte. Sie verliebten sich ineinander und er machte ihr einen Antrag. Vor einem halben Jahr heirateten die Beiden und leben seitdem in seiner kleinen Hütte. Er hatte ihr versprochen, dass er, sobald genügend Geld da wäre, ein grösseres Haus bauen würde, damit auch Kinder darin Platz haben. Jetzt löste sich die Gruppe allmählich auf, alle verabschiedeten sich von einander. Er wandte sich um und blickte zu seiner schönen Frau. Sie stand gerade, in einem braunen Rock und einer weissen Jacke mit blauem Kragen gekleidet, neben einem grünem Boot, welches vor langer Zeit herrenlos an diesem Strand gestrandet war. Auf ihren hellbraunen Haaren hatte sie einen dunkelblauen Matrosenhut aufgesetzt. „Schade, “,dachte Pierre, „ ohne diesen besorgten Gesichtsausdruck würde ihr sonnengebräuntes Gesicht leuchten wie ein Stern.“ Raschen Schrittes ging er nun auf seine Angetraute zu, und umarmte sie zärtlich. Zufrieden atmete Kate seinen Duft nach Fisch und Salzwasser ein. Er nahm sie an der Hand und so gingen sie beide glücklich Hand in Hand nach Hause. Endlich strahlte auch ihr Gesicht vor Freude, und die kummervollen Stunden waren für eine Weile nun vergessen.