-- SemraSeker - 15 Nov 2005

Semra Seker: Agnes(Rezension)

29 Nov 2005 - 16:54 | Version 9 |

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Bibliographische Angaben

Autor/in: Stamm, Peter
Titel: Agnes
Thema: Identitätskrise
Genre: Roman
Erscheinungsjahr: 1998
Seitenzahl: 154
ISBN ISBN:3-442-72550-X
Rezensent/in: SemraSeker
Rating: 5.5

Erste Leseerfahrung

"Agnes" ist ein gut verständliches Buch mit einer spannenden Handlung. Selten wird es langweilig, weil die Geschichte nicht in die Länge gezogen wird. Man kann beinahe von einem Tagebuch reden. Unwichtige Handlungen werden kurz erwähnt, während die wichtigeren Punkte ausführlicher beschrieben werden. Die Geschichte spielt in der heutigen Zeit ab, und ob man will oder nicht, ein Vegleich mit den eigenen Erfahrungen liegt ganz sicher drin.

Verstehenshorizont

Sprachlich: Die Sprache ist absolut unkompliziert und in einer einfachen Weise geschrieben. Die Sätze sind selten lang, sondern kurz und vielsagend. Ab und zu kommen einige englische oder französische Ausdrücke vor, die eventuell Schwierigkeiten bereiten können. Aber mit Hilfe eines Wörterbuches sind die schnell begreifbar.

Historisch: Die Geschichte spielt in der heutigen Zeit ab. Man erkennt schnell die Parallele zu den heutigen Beziehungskonflikten. Auch die Anonymität der Grossstadt spielt eine grosse Rolle, die auch heute noch ein Problem sind. Man kann schnell Symmetrien zu seinem eigenen Leben erkennen.

Kulturell: Die kulturelle Ansichten sind ähnlich. Das ist eine Geschichte, die auch in der Schweiz hätte passieren können. Die gleichen Probleme wie Grossstadtanonymität und Beziehungskonflikte stehen im Vordergrund.

Beschreibung

a) Inhalt
Er, ein Buchverfasser der amerikanischen Luxuseisenbahnwagen und Agnes, eine Physikstudentin beginnen eine Beziehung, die am Anfang "normal" zu sein scheint, aber mit der Zeit durch ein bestimmtes Buch ausser Kontrolle gerät. Agnes fordert ihn auf, sie in einem Buch zu verewigen. Er beginnt mit der Geschichte, anfangs noch sehr unmotiviert. Er schreibt über die Vergangenheit, aber die Umstände lassen es anders kommen. Die Gegenwart muss überholt werden und er beginnt über die Zukunft zu schreiben. Sie richten sich immer mehr nach diesem Buch bis die Realität mit der Erzählung übereinstimmt. Er wir immer mehr in den Bahn von diesem Buch gezogen. Jedoch weiss er nicht, wie er den Schluss schreiben soll. Die einzige Möglichkeit, diese Geschichte enden zu lassen, kostet seiner Freundin das Leben.

b) Form
Es ist eine Ich-Erzählung. Agnes steht im Mittelpunkt von diesem Buch, aber sie ist nicht der Erzähler. Die Geschichte wird nicht von Agnes erzählt, sondern Agnes wird erzählt. Man kann von einem Erzähler in Erzähler reden.

Das Erzählverhalten ist personal, dass heisst man hat keine Innensicht von Agnes, aber viel Beschreibungen lassen viele Aussagen über sie machen. Auch die häufigen Dialoge lassen die Beziehungskonflikte erahnen. Es ist ausserdem eine Rahmengeschichte, die sich nur auf die Beziehung der beiden konzentriert. Auch hier hat man wieder die Möglichkeit auf Agnes Gedanken zu schliessen.

Am Anfang der Geschichte wird das Resultat der Geschichte bekannt gegeben. Eine kurze Passage erklärt, was mit Agnes passiert ist. Danach beginnt der Erzähler die Geschichte zu erzählen, wie es zu diesem Resultat gekommen ist. Von da an ist sie kontinuierlich. Auch die Geschichte, die der Erzähler schreibt, ist kontinuierlich und wird im Er/Sie-Erzählung dargestellt.

Das Buch hat nur am Anfang eine einzige Voraussage, nämlich das Ergebnis der Geschichte. Es hat auch keine Rückblenden.

Auffälig sind die vielen Zeitsprünge. Der Erzähler erzählt die Geschichte erst dann weiter, wenn wieder etwas Spannendes passiert. Die Geschichte wird zum Teil in raffender Form erzählt, dass heisst, in einigen Stellen wird die Handlung sehr zusammengestaucht.

Deutung

In diesem Buch geht es hauptsächlich um den Tod, die Natur und die Identität. Es wird beschrieben, wie Agnes sich Gedanken darüber macht, dass sie nichts zurücklassen wird, wenn sie stirbt. Sie sucht nach etwas, das sie als eine Erinnerung an sie auf der Welt weiterleben lassen kann. Ihre Angst ist es, von einem Tag zum anderen vergessen zu werden. Dieses Buch, das ER schreibt, wäre eine Erinnerung, denn jeder, der dieses Buch liest, denkt wieder an sie.

Es ist mir aufgefallen, dass die beiden sehr häufig in der Natur sind. Sie verbringen viel Zeit in den Parks und an den Seen. Man hat das Gefühl, dass sie von der Stadt flüchten. Hier wird die Anonymität der Grossstädte kritisiert. Beide Figuren sind keine soziale Menschen. Sie haben wenig Freunde. Wenn jemand von den beiden stirbt, erfährt kein Mensch in der Stadt davon. Hier wird wieder eine Verbindung zum "Tod ohne Hinterlass" geknüpft.

Agnes, die Hauptfigur der Geschichte, hat eine Identität. Es geht nicht direkt um ihre Identitätsfindung, sondern um die Identitätsübernahme. Sie versetzt sich immer mehr in die Rolle in dem Buch und übernimmt die Identität der Figur des Buches. Obwohl das ihre eigene Identität ist, besteht die Gefahr, der Realität auszuweichen, denn die Geschichte wird von IHM erfasst und hat kein Einblick in ihr Inneres. So ist die Gefahr zu gross, das er in dem Buch die Agnes verkörpert, die er sie sieht und sie sogar nach seinen Wünschen formen und verändern kann. Er hat grosse Macht über ihre Beziehung.

Wertung

Diese Geschichte kritisiert zum grössten Teil die aktuellen Probleme der moderen Welt. Das ist meiner Meinung nach sehr gut gelungen. Vor allem die schlichte Schreibweise lässt dem Leser viel Freiraum. Man hat die Möglichkeit sich selber eigene Gedanken über das Buch zu machen, weil sehr selten etwas kommentiert wird, oder man merkt das gar nicht. Dieses Buch lässt den Leser sich mit jeder Seite mehr Gedanken über den Tod machen. Empfehlenswert!

Verfasser/innen

SemraSeker, Neue Kantonsschule Aarau, Schülerin

Rating

Es können halbe Noten von 1-6 erteilt werden. Es können auch weitere Kriterien zur Anwendung gebracht werden, z.B. Spannung, Humor, Figuren.

  Note
Inhalt 5.5
Form 5.25
Schnitt 5.25