Anonyma: Eine Frau in Berlin (Rezension)

28 Nov 2005 - 15:50 | Version 5 |

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Bibliographische Angaben

Autor/in: Anonyma
Titel: Eine Frau in Berlin
Thema: Frauenschicksale
Genre: Tagebuch
Erscheinungsjahr: 1959/2003
Seitenzahl: 277
ISBN ISBN:3442732166
Rezensent/in: MarinaStierlin
Rating: 4.75

Erste Leseerfahrung

Am Anfang hatte ich Mühe mich in die ganze Situation hineinzuversetzen, da es für uns eine unvorstellbare Situation ist. Vorallem ist auch der Krieg für uns sehr weit weg. Zu Beginn ist das Buch ein bisschen langweilig, es wird erst nach den ersten 50 Seiten richtig spannend. Im Grossen und Ganzen ist das Tagebuch jedoch sehr eindrücklich.

Verstehenshorizont

Das Buch ist in einfacher Sprache geschrieben, deshalb hat man keine Mühe mit dem Verständnis. Die Verfasserin schreibt nicht allzu lange Sätze die zudem gut verständlich sind. Sie benutzt auch sehr wenige Fremdwörter.

Beschreibung

a) Inhalt
Die Geschichte handlet sich um eine Frau, die ihr Leben während den letzten Monate des zweiten Weltkriegs in Form eines Tagebuchs aufführt. Der Name der Frau ist leider unbekannt. Wir wissen jedoch, dass sie ungefähr mitte 30, intelligent, gebildet, attraktiv und unverheiratet ist, zudem hat sie Europa bereist. Sie dokumentiert ihr Schicksal welches auch das Schicksal vieler anderer in dieser Zeit ist: Massenhafte Vergewaltigungen, Hunger, Angst, Tod, Verbittertheit, Hass, Plünderung, kein Geld und keine Möglichkeit welches zu verdienen. Trotz grösster Probleme hat diese Frau ihr Leben erstaunlich gut in der Hand. Sie besitzt ein bisschen Russisch, die Sprache ihrer Feinde. Diese Sprachkenntnisse schützen sie jedoch nicht vor einer Vergewaltigung. Sie merkt jedoch bald, dass sie ihr Körper gezielt einsetzen kann. Sex gegen Nahrung, denn diese ist knapp und schwer zu bekommen. So fasst sie einen Entschluss, sie will ein Russe mit hohem Status, der ihr auch genug Nahrung bringen, und sie zugleich vor anderen Russen beschützen kann. Den es spricht sich schnell herum dass die Russischkenntnisse besitzt. Dies lockt andere Russen an und es herrscht ständig reger Betrieb in ihrer Wohnung.

b) Form
Die Erzählform ist ich, und das Erzahlverhalten eher personal. Die Autorin ist gleichzeitig die Erzählerin. Sie schreibt meist sehr ausführlich und zeitdeckend, also szenische Darstellung. Zwischendurch findet man jedoch auch Zeitsprünge, wenn sie zum Beispiel einen Tag auslässt und erst am nächsten weiter schreibt. Wenn ein Kommentar eingeschoben ist, ist dies meist gleich auch eine Zeitpause. Das Buch weist viele innere Monologe und Bewusstseinsströme auf, sowie indirekte-und direkte Rede. Es hat wenig Rückblenden, diese Frau schaut in die Zukunft und nicht zurück. Auch findet man fast keine Wiederholungen. Für mich hat das Buch einen offenen Schluss, da man nicht weiss wie ihr Leben nach diesen schrecklichen Erlebnissen weitergeht und ob es überhaupt weitergeht. Die Sprache hat sich im Verlauf der Geschichte sehr stark verändert. Zu Beginn war die Figurenrede mittlere, normale Stilebene, am Schluss war sie eher niedrig. Wörter die man vor dem Krieg nicht in den Mund zu nehmen gewagt hatte, wurden jetzt selbstverständlich.

Deutung

Es gibt mehrere Interpretationsverfahren, die wichtigsten drei sind historisches, politisch-soziologisches und feministisches Interpretationsverfahren. Das Buch hat einen historischen Hintergrund, denn das ganze Geschehen spielt sich ende des zweiten Weltkrieges 1945 ab, als die Russen in Berlin einfielen. Dazu kommt die politische Lage, worauf ich aber nicht genauer eingehen möchte. Man kann es als feministisch betrachten, da es von einer Frau geschrieben wurde. In ihren Aufzeichnungen kommt sehr gut zur Geltung dass hier die Frauen das "stärkere" Geschlecht sind. Sie stellen sich zur Wehr und geben nicht klein bei. Die Russen sind bei den Vergewaltigungen meist nicht allein und haben ausserdem Alkohol getrunken. Dies ist auch ein weiterer Punkt, wo wir uns gefragt haben ob es auch so viele Vergewaltigungen gegeben hätte wenn nicht so viel getrunken worden wäre. Mit dem Alkohol sank die Hemmschwelle deutlich. Faszinierend war auch, wie sie die ganze Situation gemeistert hat, sie hat sich so zusagen mit den Vergewaltigungen "abgefunden", hat aber daraus das Beste gemacht, indem sie sich einen Russen geangelt hat, der sie durchfütterte und beschützte.

Wertung

Am Anfang hatte ich Mühe mit diesem Buch, da ich generell nicht sehr gerne Tagebücher lese. Zudem waren die ersten 50 Seiten ziemlich langweilig, dies änderte sich jedoch im Verlauf des Buches. Am Schluss wurde das Buch immer packender und man wollte es gar nicht mehr weglegen. Im grossen und ganzen fand ich es sehr eindrücklich und würde es jeder Zeit wieder lesen.

Verfasser/innen

Marina Stierlin, Neue Kantonsschule Aarau, Schülerin

Rating

Es können halbe Noten von 1-6 erteilt werden. Es können auch weitere Kriterien zur Anwendung gebracht werden, z.B. Spannung, Humor, Figuren.

  Note
Inhalt 5
Form 4.5
Schnitt 4.75