-- AnnaWaelty - 15 Nov 2005

Bibliographische Angaben

Autor/in: Glauser, Friedrich
Titel: Matto regiert
Thema: Kriminalgeschichte in der Psychiatrie
Genre: Roman
Erscheinungsjahr: 1936
Seitenzahl: 321
ISBN ISBN:3293203159
Rezensent/in: AnnaWaelty
Rating: 5.125

Erste Leseerfahrung

Die Detektion beginnt gleich am Anfang, im Vordergrund steht aber das Kennenlernen der psychiatrischen Anstalt. Der Ermittler lernt dieses ihm unbekanntên Milieu, in welchem sich viele spezielle Figuren bewegen, kennen und versucht sich darin zu behaupten. Nicht nur das Verhalten der Patienten, sondern auch das der Pfleger und Ärzte fällt auf; es ist spürbar, dass dem Ermittler vieles verheimlicht wird. Der Leser will wissen, was sich für Geheimnisse in der Anstalt verbergen und was mit den verschwundenen Personen geschehen ist. So kommt jede Person als Täter in Frage, die Spannung wird schon auf der ersten Seite aufgebaut.

Sehr auffällig ist die Sprache; eine Mischung aus Berndeutsch und Hochdeutsch. Es werden Wörter aus der berndeutschen Mundart eingedeutscht sowie auch deren Satzstruktur übernommen, wenn es sich um die indirekte Rede handelt. Dieses sprachliche Mittel sprichtt den Schweizerdeutsch sprechenden Leser an, stellt aber vermutlich für nicht-schweizerdeutschsprechende Leser eine Hürde dar.

Verstehenshorizont

Der Roman spielt nach dem ersten Weltkrieg, es ist eine Zeit, in der das Geld für die meisten Menschen knapp ist, das spiegelt sich auch in den Strukturan in der Anstalt wieder. Der Direktor hat ein gutes Einkommen, wird unter anderem auch deshalb von den Angestellten nicht geschätzt. Die Angsestellten arbeiten sehr viel, aber können nicht mal ihre Familie ernähren. Es wird ein Fall von einem Patient erzählt, der sein Kind ermordete, weil er Angst hatte, nicht für das Kind aufkommen zu können.

In dieser Zeit fehlt das Verständnis für psychisch kranke Menschen; sie werden von der Gesellschaft ausgestossen, man will sie nicht mehr sehen. Die damaligen Therapiemethoden entsprechen völlig dem noch heute teilweise existierenden Klischee, über eine psychiatrische Therapie.

Des Weitern wirft das Buch auch interessante philosophische Fragen auf, wie z.B. wenn versucht wird, die Grenze zwischen Realität und Wahnsinn zu ziehen.

Beschreibung

a) Inhalt
Wachmeister Studer wird zu Ermittlungen von Doktor Laduner in eine psychiatrische Anstalt gerufen. Der Direktor Borstli und der Patient Pieterlen sind verschwunden, das Bureau des Direktors verwüstet. Studer wird in der Anstalt bei Doktor Laduner, dem stellvertrettenden Direktor, einquartiert. Es fällt schnell auf, dass in der Anstalt verschiedene Gruppierungen zwischen den Pflegern existieren und dass die Beziehung zwischen dem verschwundenen Borstli und Laduner schlecht war aufgrund der verschiedenen Ansichten über Therapien und Arbeitseinstellung. Laduner hat das Gefühl, dass er die ganze Arbeit macht, Borstli fühlte sich hingeben bedrängt und fürchtet um seinen Chefposten. Schliesslich findet Studer den toten Borstli im Heizungskeller, er war vermutlich die Leiter runtergefallen.

Matto, der Geist des Wahnsinns, regiert überall und spinnt seine silbernen Fäden... Studer bekommt von einem Patienten ein Gedicht über Matto, Matto dies ist der Ausdruck für die Verrücktheit, die den Menschen befallen kann. Studer beginnt zu verstehen, was in einer "verrückten" Person vor sich geht, gleichzeitig wird es immer schwieriger für Studer, bei Gesprächen mit Insassen, eine Grenze zwischen der Realität und dem Wahnsinn eine Grenze zu erkennen.

Die Geschichte von Pieterlen wird interessant für Studer. Dieser Insasse ist seit dem Tod des Direktors verschwunden, und er konnte den Direktor nicht gut leiden, man hätte eigentlch einen guten Grund ihn zu verdächtigen, er gerät aber nie wirklich in Studers den Kreis der möglichen Täter, wahrscheinlich wegen seiner Vorgeschichte (siehe Verstehenshorizont, den Kindsmord). Am Schluss des Buches wird auch klar, dass er geflüchtet ist, um wieder frei leben zu können, psychisch ist er gesund, aber er sollte eigentlich, unter anderm auch wegen Borstli lebenslänglich in die Anstalt eingesperrt werden. Zur Flucht verholfen haben ihm ein Pfleger, der sehr loyal zu seinen Patienten war und seine Geliebte Irma, ebenfalls eine Pflegerin. Studer sieht die entgültige Flucht, greift aber nicht ein und erwähnt auch nichts gegenüber Laduner, weil er Mitleid mit Pieterlen hat.

Die Auflösung am Schluss ist sehr kurz und verworren. Der Direktor wurde von Caplaun, einem Insassen, der eine persönlicher psychoanalytischer Behanlung von Laduner genossen hat, in den Heizungskeller gelockt. Caplaun wollte bei dem Direktor ein gutes Wort für Laduner einlegen, es war auch unter den Patienten bekannt, dass der Direktor mit Laduner unzufrieden war und eine Untersuchung über die mysteriösen Todesfälle seiner Patienen eingeleitet hat.Es existieren zwei verschiedene Geschichten über den Mörder. Studers erscheint einem klarer und einfacher, aber Laduners ist plausibler. Nach Studer hat Caplaun (er gibt es gegenüber Studer auch zu) den Direktor die Leiter hinuntergeschupst. Nach Laduner aber, hat nicht Caplaun den Direktor runtergeschupst, sondern er wurde von dem Portier Dreyer, der unten an der Leiter stand, hinuntergezogen. Allerdings hat Caplaun das gar nicht bemerkt, dass Dreyer involviert war, und gibt sich selber die Schuld. Es fehlt aber das Tatmotiv für den Pförtner.

Am Schluss wird Caplaun von Dreyer eine Schlucht hinuntergestürzt, Dreyer anschliessend verhaftet und stürzt sich kurz nachher vor ein Auto.

b) Form
Das Buch ist in der personalen Erzählform geschrieben. Der Leser erlebt die ganze Geschichte aus der Perspektive von Studer. Seine inneren Monologe geben dem Leser aufschuss über das, was womöglich innerhalb der anderen Personen vor sich geht. Der Leser kann sich gut auf das "Gefühl" Studers verlassen, da Studer eine Spürnase für wichtige Begebenheiten besitzt. Die inneren Monologe sind oft sehr lang, dafür spricht Studer sehr wenig, er ist eher eine beobachtende Person, die erst am Schluss über die Auflösung eine grössere direkte Rede hält. Laduner ist das genaue Gegenteil, er spricht oft in längeren Monologen, "doziert". Auch seine Sprache hebt sich ab; er ist der einzige, der ein geschliffenes Deutsch benutzt. Mit diesen sprachlichen Mitteln macht Glauser dem Leser klar, dass Laduner eine viel dominantere Person als Studer ist.

Die Geschte wird meistens Zeiddeckend beschrieben, manchmal finden aber Zeitsprünge statt, die später nacherzählt werden. Eine leichte Zeitdehnung kommt bei Studers inneren Monologen, wenn seine Gedanken veranschaulicht werden, vor.

Deutung

Der Text will dem Leser vorallem das Leben in der Psychiatrie schildern. Den meisten Lesern ist dieses Milieu total unbekannt, so auch der Hauptperson, Wachmeister Studer. Diese Basis gibt dem Leser einen leichten Einstieg, weil er zusammen mit dem Wachmeister diese fremde Welt erkunden kann.

Das Buch will den Leser auf psychisch Kranke sensibilisieren, weil im Erscheinungsjahr hatten psychisch Kranke einen sehr schweren Stand in der Gesellschaft, sie wurden verlacht und ausgestossen. Auch deren Angehörigen hatten darunter zu leiden. Glauser schildert sehr feinfühlig, wie es im Inneren einer kranken Person aussehen könne. Man erkennt, dass psychisch Kranke sich zunächst meistens nicht gross von den gesunden Menschen unterscheiden, aber im Laufe des Lebens die Realität verrückt wird. Am Verhalten der Pflegern und Ärzten erkennt man, dass die Grenze zwischen Normalität und Wahnsinn nicht klar definierbar ist, sondern dass jede Person ein wenig verrückt wird.

Offensichtlich ist, dass Glauser in seinem Buch persönliche Erfahrungen, die er, selber mehrmals in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen, machte. Man erkennt diese autobiagraphischen Züge, wenn man die Personen des Buches mit Personen vergleicht, die in seinem Leben eine wichtige Rolle spielten. So ist der Mord am Direktor ein Mord an einer Person, mit der Glauser in seinem Leben erhebliche Probleme hatte. So rechnet Glauser auf dem Paper mit seinen früheren Feinden ab, lässt aber im lieb gewordene Menschen nicht weg.

Mit "Matto" wird versucht, diese Verrücktheit zu erklären, ein Patient gibt Glauser ein Gedicht über Matto, das dem Leser beim Deuten eine kleine Ahnung gibt, was der Matto ist.

Wertung

Das Buch gibt dem Leser einen interessanten Einblick in den älteren Aspekt der Psychiatrie. Die Spannung wird behutsam, fast etwas zu zaghaft aufgebaut. Man wird in ein fremdes Reich entführt und zum Nachdenken über psychisch Kranke aufgefordert, der Leser wird auch mit Fragen über die Grenze zwischen Realität und Wahnsinn konfrontiert. Die Auflösung am Schluss, von der man sich viel erhofft hat, ist für den Leser unbefriedigend. Sie ist zu kurz und lässt Fragen offen, die sich der Leser nicht beantorten kann, da sich gewisse Dinge im Buch selber wiedersprechen.

Verfasser/innen

AnnaWaelty, Neue Kantonsschule Aarau, Schülerin

Rating

  Note
Inhalt 5.5
Form 5
Spannung 4.75
Aufbau 5.25
Schnitt 5.125