-- CorinneFankhauser - 22 Nov 2005

Anna Muster: Die Musterrezension (Rezension)

29 Nov 2005 - 07:42 | Version 6 |

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Bibliographische Angaben

Autor/in: Suter, Martin
Titel: Ein perfekter Freund
Thema: Krimi
Genre: Roman
Erscheinungsjahr: 2002
Seitenzahl: 338
ISBN ISBN:3257233787
Rezensent/in: CorinneFankhauser
Rating: 5.5

Erste Leseerfahrung

Vom ersten Moment an fühlt man sich der Figur Fabios sehr verbunden. So wirkt das Buch wie ein Arbeitsprozess, indem Fabio versucht, seine vergessene Vergangenheit aufzuarbeiten. Schritt für Schritt nähert man sich der Wahrheit, die - seit dem ersten Statz des Buches - zu entdecken der Wunsch jedes Lesers ist. Zu lachen gibt es auch immer wieder, obwohl das Thema eigentlich sehr ernst ist.

Verstehenshorizont

Der Roman ist sehr gut zu verstehen. Er spielt sich ungefähr in der heutigen Zeit ab und das Thema ist ziemlich aktuell. Die Sprache ist klar, wobei ein journalistischer Zug den Text charakterisiert. Von Zeit zu Zeit tauchen einzelne Wörter auf, die man am besten in einem Duden nachschlägt.

Beschreibung

a) Inhalt
Fabio Rossi erwacht im Spital. Er kann sich nicht an die letzten fünfzig Tage erinnern. Ein Schlag auf den Kopf hat ihm ein Teil seiner Erinnerung geraubt. Fabio stellt fest, dass er eine neue Freundin hat - Marlen. Er kann sich aber überhaupt nicht vorstellen, warum er sich von Norina, die er noch immer liebt, getrennt haben soll. Auch andere Dinge, die er getan hat, erscheinen ihm höchst seltsam. Warum hat er beim Sonntag-Morgen gekündigt? Warum hat er seinen Job als Journalist bei dieser Zeitung an den Nagel gehenkt? Sehr schnell wird klar, dass er einer scheinbar grossen Story auf der Spur gewesen war. Langsam gelingt es ihm, die vergessenen Tage Schritt für Schritt zu rekonstruieren. Dabei stösst er auf ein höchst brisantes Thema: Prionen in LEMIEUX-Schokolade - diese gelten als Ursache der Kreutzfeld-Jacob Krankheit. Bald kommt Fabio zum Schluss, dass sein bester Freund Lucas Jäger sich durch seinen Gedächtnisverlust bereichert und die Geschichte gestohlen haben muss. Fabio folgert daraus, dass Lucas von LEMIEUX Geld erhält und darum die Wahrheit nicht an die Öffentlichkeit bringt. Doch kurz darauf ist Lucas Jäger tot und am Schluss wird klar, dass nicht er, sondern Fabio selbst von LEMIEUX Geld angenommen hat. Lucas wollte ihn nur davon bewahren, sich nochmals in Gefahr zu bringen. Und als Fabio die Sache jedoch nicht einfach so in Ruhe lassen wollte, drohte Lucas der Firma LEMIEUX damit, die Wahrheit selbst zu veröffentlichen. Dafür wurde er beseitigt.

b) Form

personales Er-/Sie-Erzählverhalten: man befindet sich in der Figur drin, man weiss nur, was Fabio auch weiss. Die Personen werden so beschrieben, wie Fabio sie wahrnimmt (Aussensicht). Ab und zu tauchen jedoch auktoriale Sätze auf, dies trägt zur Spannungssteigerung bei.

Figuren: Die Figuren werden sehr direkt beschrieben, jedenfalls diejenigen die für Fabio neu sind. Fabio wird mehrheitlich indirekt durch die Handlung charakterisiert. Die Konstellation ist bis zum Ende nicht unbedingt klar. Wie es in einem Krimi üblich ist, ist man sich nie sicher, wer jetzt wirklich Dreck am Stecken hat, wer die wirklichen Feinde sind.

Erzählerrede: Der Erzähler beschreibt berichtartig (Journalismus) die Handlung, sowie Fabios Gedanken (manchmal sehr humorvoll).

Figurenrede: Sehr oft trifft man auf direkte Rede. Doch auch erlebte Rede und innerer Monolog (selten) kommen vor.

Zeit/Handlung: Die Handlung ist einsträngig, gespickt mit einzelnen Rückblenden aus Fabios Kindheit oder sonstigen Erinnerungen. Vereinzelt tauchen auch Vorausdeutungen auf (Bsp.: Lucas Jäger war tot. Zu diesem Zeitpunkt konnte Fabio dies noch gar nicht wissen) Sehr charakteristisch für das Buch sind die vielen Zeitsprünge. Der Text ist bruchstückhaft aufgebaut, sowie Fabio die vergessenen Tage bruchstückhaft zusammenbaut. Es werden also nur für das Geschehen wichtige Handlungen erzählt. Die Erzählsequenzen sind also einzelne Abschnitte. Beim szenischen Erzählen deckt sich die Erzählzeit mit der erzählten Zeit.

Anordnung der Erzählsequenzen: Das Buch beginnt mit einer sehr wirkungsvollen Szene, welche den Leser sogleich in ihren Bann zieht. Desweiteren ist der Text bruchstückhaft aufgebaut (Zeitsprünge), sowie Fabio die vergessenen Tage bruchstückhaft zusammenbaut. Es werden also nur für das Geschehen wichtige Handlungen erzählt. Das Ende würde ich als geschlossen bezeichnen, doch kann es durchaus ein paar Fragen aufwerfen (ev. offen).

Verknüpfung der Erzählsequenzen: Am Ende der einzelnen Abschnitte wird oft eine Spannung erzeugt, die im nächsten wieder gelöst wird und so fort. Als Leitmotive dienen das Wetter, Zigaretten, die Besuche beim Gedächtnistrainer und die Tai Chi - Kurse. So werden die Abschnitte miteinander verbunden und es entsteht ein Ganzes.

Stil: Suter bedient sich eines journalistischen Schreibstils. Klare, präzise Formulierungen sind sehr prägend für den Text.

Deutung

biographisch: Das Buch passt sehr gut zu Martin Suter selber. Er ist Journalist, wie die Hauptfigur Fabio Rossi. Ausserdem ist Suter mit einer Spanierin verheiratet und lebt in Spanien. Dies passt wiederum sehr gut zu Fabio, denn der ist ja Italiener. Das ganze Buch hat einen südländischen Flair.

historisch: Das Thema Creutzfeld-Jacob-Krankheit hat auch heute kaum an Aktualität verloren. Im Jahr 2001, also ein Jahr vor der Veröffentlichung des Romans, hat sich die Zahl der Erkrankungen schlagartig erhöht. Vielleicht sah Suter es auch als journalistische Pflicht an, darüber ein Buch zu schreiben, um den Lesern aufzuzeigen, dass dieses Thema noch lange nicht zum alten Eisen gehört.

Wertung

Die Geschichte finde ich eine wirklich gelungene Idee. Man kann sich von Anfang an in Fabio hineinversetzen und durchlebt mit ihm dieses Streben nach Gewissheit, nach der Wahrheit. Dass das Ende noch eine Überraschung bringen würde, wusste man schon im Vorraus, denn hat dies Suter mit vielen Andeutungen angekündigt. Der journalistische Stil in Verbindung mit der Aktualität des Themas hat mich sehr überzeugt. Einzelne Sequenzen waren sehr lustig, auch etwas was dieses Buch auszeichnet. Suter versteht es, Ernstes mit Humorvollem zu verknüpfen. Es gab jedoch auch Abschnitte, die mir persönlich zu lange vorkamen, in denen es nicht richtig vorwärts ging. Dafür hatte er am Schluss eine alles auflösende Gedächtnisinsel, die für mich zu plötzlich kam. Was mir auch nicht besonders gefallen hat, war, dass alle höheren Ämter von männlichen Figuren besetzt waren. Die Frauen wurden wiederum als das schwache Geschlecht dargestellt. Aber dies ist ja eigentlich überhaupt nichts ungewöhnliches für einen Krimi.

Verfasser/innen

CorinneFankhauser , Neue Kantonsschule Aarau

Rating

Es können halbe Noten von 1-6 erteilt werden. Es können auch weitere Kriterien zur Anwendung gebracht werden, z.B. Spannung, Humor, Figuren.

  Note
Inhalt 6
Form 5.5
Schnitt 5.5
Spannung 4.5
Humor 5.5
Figuren 4.5