Chantale Buerli // Robert Zuend: Am Sempachersee //

14 Jan 2005 - 00:25 | Version 2 |

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Lebensfreude!

Da steh ich nun im Schatten unter dem Baum. Schön ist es hier, alles so harmonisch. Der kleine Junge da versucht vergeblich auf den Baum zu klettern, um von dort aus zu Angeln. Süss! Das Mädchen trägt einen hübschen Sommerhut mit einer wunderschönen Schleife. Ver-gnügt spielt sie mit dem Hund. Heftig wedelt er mit dem Schwanz vor Freude. Ich setze mich doch einen Moment hin und lasse meine nackten Füsse vom Bächlein kühlen. Ach, wie schön es ist. Das Wasser glitzert im Sonnenlicht, als wären tausend Kristalle darin versunken, die nur warten, dass ich sie aus dem Wasser nehme. Doch was würden mir Kristalle jetzt noch bringen, was könnte ich schon mit denen kaufen? Glück, Zufriedenheit, Freude und alle an-dern herrlichen Gefühle des Lebens kann man nicht kaufen und auch wenn, ich bin bereits erfüllt von Lebensfreude. Die Bäume rings um den See spiegeln sich im Wasser. Glitzernd und schlängelnd, vorbei an moosbewachsenen Steinen und Baumwurzeln, fliesst das Bächlein in den flachen See. In ihm spiegeln sich die weit auskragenden Baumkronen. Zusammen mit dem Schatten der leichten Wolken entstehen immer neue Bilder. Geräuschlos entstehen und verschwinden sie. Da kommt die Mutter daher mit zwei weiteren Kindern. Eines trägt sie auf dem Arm und das andere führt sie an der Hand. Besser gesagt, das Kind zieht sie an der Hand und drängelt. Doch die Mutter ist ganz geduldig, welche Ruhe sie ausstrahlt. Keine gehetzten und überfor-derten Züge in ihrem Gesicht. Dort hinten beim Boot ist der Vater an der Arbeit. Seine Haut glänzt vor Schweiss in der Sonne. Obwohl es harte, körperliche Arbeit ist, wirkt er entspannt. Da, sogar seine weissen Zähne glänzen im Licht, er lächelt mir zu, aber kann er mich denn sehen? Seine Haut ist so braun, er wird wohl viel draussen arbeiten. Die Vögel zwitschern ganz vergnügt hoch oben in den Bäumen, ob ich wohl zu ihnen hoch klettern kann. Ich will es doch einmal versuchen. Langsam ein Fuss nach dem andern, na, das klappt ja gut. Fast wie von selber. Von hier oben zwischen den Blättern und den bunten Vö-geln habe ich eine herrliche Aussicht. Da ist sogar ein kleines Nest mit jungen Spatzen drin, hungrig schreien sie nach ihrer Mutter. Die Mutter kommt schon angeflogen, und stopf den Kleinen den Wurm in den Schnabel. Plötzlich kommt mir mein Lieblingsgedicht in den Sinn: „Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Welt hebt an zu sin-gen, triffst du nur das Zauberwort.“ Ich glaube ich habe das Zauberwort getroffen, von dem mir ein Dichter erzählte. So muss man sich fühlen, eingebettet in voller Idylle, Harmonie und überschwemmt von Glücksgefühlen, die dieser Ort und seine Leute mir geben. Ja, ich höre die ganze Welt singen. Ich weiss nicht, wie lange ich hier schon sitze. Ich schaue hinunter und es scheint, als sei die Zeit still gestanden. Die Familie ist immer noch draussen. Ein leichter und kühler Wind weht durch die Blätter und Gräser, wie ich doch dieses Geräusch liebe. Die Äste wiegen sacht und meine Haare wehen mit. Leise pfeift der Wind an meinen Ohren vorbei und mir ist, als höre ich den Wind mir zuflüstern: „Ja, dies ist Leben, Glück und Freude, ja, hier ist das Leben!“ Tief atme ich den süssen Sommerduft und das Leben, das er in sich trägt ein. Ich geniesse die Aussicht von hier oben. So schön ist es hier, schon fast wieder kitschig und unecht wirkt es. Doch ich bin hier. Nun fröstelst mich fast ein wenig, aber auf eine sehr angenehme Art und Weise. Ich will mich in die Sonne legen. Ob ich wohl von hier oben runter springen kann? Das versuch ich jetzt mal. Hops, und eine sanfte Landung, prima. Ich hüpfe fröhlich ans Ufer und lasse die Sonne meine Haut erwärmen. Ah, ist das herrlich, so ein wunderbarere Tag heute und diese Seelandschaft. Wie geborgen ich mich hier fühle. Si-cher und geschützt, zufriedenen mit mir und der Umwelt. Die Kinder lachen munter und springen umher. Der Hund bellt und die Mutter bringt frische Kirschen. Ich lege mich einen Moment hin. Tut das gut, so ausgestreckt auf der Wiese zu lie-gen und die Wärme zu spüren, die Vögel und das glückliche Lachen der Kinder zu hören. Ich blinzle in die Sonne, drehe mich um und direkt vor mir liegt ein Marienkäfer mit sechs Punk-ten. Ein Marienkäfer mit sechs Punkten bringt Glück. Aber kann man denn noch mehr Glück haben als jetzt in diesem Moment? Hier in der Sonne, wo die Zeit still zu stehen scheint, wo alle das Leben geniessen und Freude daran haben, wo alles so friedlich ist. Ich glaube kaum. Fröhlich schaue ich zu den Kindern, die sich nun im Kirschsteinspuken üben. Ich will doch mal sehen ob, ich das auch noch kann. Gemütlich schlendere ich zu den Kindern. Nehme mir ein paar Kirschen aus dem Korb und versuche es. Na, das ist wohl so was wie das Fahrradfah-ren, so was verlernt man nie. Mmmmh, wie süss die Kirschen schmecken. Ich stecke mir gleich noch ein paar in den Mund. Hier könnte ich immer bleiben. Bei dieser Familie, ihnen zuschauen, Tag ein Tag aus. Wie lieb sie alle mit einander umgehen. Wie glücklich die Fami-lie ist. Ich setze mich nochmals hin und schaue mich geniessend ein letztes Mal um. Doch dann zieht es mich weiter ins weiss-blaue Himmelsloch.