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Robert Zünd: "Am Sempachersee" (Lebensfreude)

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"Vater, Vater, sieh nur, ich hätte beinahe einen sooo grossen Fisch gefangen."

Der Angesprochene lächelte nur sanft über den Übermut seines 8-Jährigen und liess dann seinen Blick wieder über die umliegende Landschaft schweifen. Er wollte die ganze Schönheit und Idylle dieses Ortes noch so lange geniessen, wie er es konnte. Diese romantische Stille am See – nur das gurgelnde Bächlein, das leise Gackern der Hühner und das Zirpen der Grillen waren an diesem Sommerabend zu hören. Die Abendsonne begann, die zarten Schleierwolken gelblich-rosa zu färben, und warf noch ein paar warme Strahlen durch das Geäst der alten, knorrigen Bäume, die sein liebstes Stücklein Land auf Erden wie ein grünes Dach zu behüten schienen.

"Schau, Vater", rief nun auch seine 12-jährige Tochter. "Leika hinkt schon wieder! Sollten wir sie nicht doch zum Tierarzt bringen?"

Ihr Vater seufzte tief: "Weisst du, wir können sie sowieso nicht mitnehmen in die Stadt, dort sind Hunde nicht erlaubt in den Wohnungen und...überhaupt würde sie sich bestimmt nur eingeengt fühlen."

"Und du denkst, wir werden uns dort nicht eingeengt fühlen?"

Darauf wusste der Vater nichts zu erwidern und vertiefte sich wieder in seine Arbeit. Immer wieder blieb sein Blick an dem alten Bootshäuschen und seinem Ruderboot hängen, in dem er so manche gemütliche Stunde verbracht hatte. Diese Momente würde er sehr vermissen, wie auch die Aussicht auf die grünen Hügel im Hintergrund. Er konnte sich noch gar nicht vorstellen, wie dieses Panorama schon so bald durch graue Häuser und Strassen ersetzt werden konnte. Eigentlich fällt einem die Schönheit dessen, was man besitzt, erst dann auf, wenn man im Begriffe ist, es zu verlieren, ging es ihm durch den Kopf.

"Das Abendessen ist bereit!", rief die Mutter in diesem Moment. Sie kam mit den beiden Kleinen im Arm aus dem Haus und verschwand gleich wieder, da das Jüngste plötzlich zu weinen anfing.

Der Vater warf noch einen letzten Blick auf die Staffelei mit dem beinahe fertigen Bild und erhob sich dann, um den Kindern ins Haus zu folgen. Nach dem Essen würde er sein Werk vollenden. Er freute sich schon darauf, es in ihrer trostlosen Wohnung in der Stadt aufhängen zu können, als ständige Erinnerung an die glücklichste Zeit seines Lebens.

-- ElisaIngrosso - 13 Aug 2004