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Rudolf Koller: Der Pflüger (v. Jacqueline Tschumi)

Es ist ein schöner, warmer Sommerabend. Der Himmel ist durchzogen, Krähen ziehen ihre Kreise. Während die Häuser des kleinen Dorfes in der Ferne noch von den letzten Sonnenstrahlen erhellt werden, beginnt sich langsam der Schatten der Nacht auf das Ackerfeld zu legen. Ungeachtet der späten Stunde pflügt der Bauer mit seinem Gehilfen und Gespann das Feld. Er will die Arbeit erledigen, noch bevor alles gänzlich vom Schleier der Nacht verhüllt wird. Schon seit den frühen Morgenstunden ist er nun auf dem Feld bei der Arbeit, Franz, der Junge, tatkräftig an seiner Seite. Er hätte gerne einen Sohn wie ihn gehabt, doch leider ist ihm dieses Glück nicht vergönnt gewesen. Dennoch ist er froh, so einen tüchtigen Knechten zu seinem Hof zählen zu können. Sein Gehöft ist nicht gross, doch gerade gross genug um seine Frau und ihn zu ernähren – und natürlich Franz und die Magd. Er besitzt wenig Vieh, doch ist er dankbar für jedes seiner Tiere. Sein Prachtstück, einen Schimmel, spannt er Tag für Tag vor seine zwei Ochsen in das Gespann. Sie machen ihre Arbeit gut, alle drei. Die Ochsen mit ihrer ruhigen Kraft und das Pferd, voller Energie. Immer drängt es nach vorne, während die Ochsen wohl lieber eine Pause einlegen würden – doch dafür hat er ja Franz, der sie dann kräftig antreibt mit seiner Peitsche. Er ist ein guter Junge. Der Schimmel scheint heute jedoch auch müde zu sein. Jeder Schritt scheint ihm grosse Energie abzuverlangen. Die letzten Sonnenstrahlen fallen auf sein Fell und lassen es vor Schweiss glitzern. Einen Schimmel kann man ihn wohl nicht mehr nennen, mit seinem von Schweiss und Erdstaub durchtränkten Fell. Es geht mühsam voran. Schon bleiben die Ochsen wieder stehen und Franz lässt die Peitsche knallen – und es läuft wieder. Für wie lange? Das Prozedere wiederholt sich immer wieder, doch so ist das nun mal. Trotz ihrer Kraft und Ausdauer sind die Ochsen nicht die gewilltesten Tiere. Sie träumen wahrscheinlich längst von einem Ballen Heu und gutem, weichen Stroh. Schon wieder! Franz kommt nicht zur Ruhe, lässt seine Peitsche durch die Luft flirren, laute Zurufe. So ist’s besser!
Das Ächzen des Bauern vermischt sich mit dem Stampfen der Hufe. Die Luft ist trocken - es war ein heisser Tag! Staub wirbelt durch die Luft, setzt sich auf den Fellen, den Kleidern, überall nieder; findet seinen Weg in in jede Ritze, macht das Atmen schwer. Das Geräusch, wenn die Erde aufgeschnitten wird, durchdringt die Luft. Immer das gleiche Sirren, das selbe, flache Geräusch. Weiter geht’s, immer weiter. Nur weiter vorwärts. Man darf gar nicht erst ans Stehenbleiben denken, denn dann ist es geschehen, dann mag man nicht mehr weiter – und das darf auf keinen Fall passieren. Also setzt man schön einen Fuss vor den anderen, Schritt um Schritt, Tritt um Tritt – wie schon am Morgen, und am Mittag, und am Tag zuvor. Immer weiter, nur nicht stehen bleiben, immer weiter vorwärts. Die Erschöpfung macht sich unter allen Beteiligten breit, die Strapazen vom langen Gehen machen sich bemerkbar. Doch sie setzen ihren Weg fort; der Bauer am Pflug, immerfort Wunden in die Erde schneidend. Es wird immer dunkler, die Körper immer müder, erschöpfter – langsamer. Rund herum ist es still und friedlich. Die einzelnen Geräusche des Gespannes tönen umso Lauter. Das Knarzen des Leders, das Klirren der Ketten. Immer wieder hört man die Peitsche durch die Luft knallen, begleitet von lauten Zurufen – und vom Ächzen des Bauern in seiner gebückten Haltung. Sein Rücken bereitet ihm schon jetzt grosse Schmerzen – und morgen wird es schlimmer sein. Hinter dem Gespann, das sich fortwährend seinen Weg bahnt, unaufhaltsam, ziehen noch immer die Krähen ihre Kreise, lassen sich auf die verwundete Erde nieder, immer auf der Suche nach Nahrung.
Nun ist auch das Dorf nur noch am hintersten Ende von der Sonne beleuchtet, und bald, sehr bald wird es gänzlich von der Dunkelheit verschluckt werden. Auch auf dem Feld ist es mittlerweilen sehr dunkel geworden; man kann kaum mehr etwas erkennen. Auch Franz scheint sein Limit erreicht zu haben – doch der Bauer geht weiter. Nur noch eine Länge, dann ist das Feld fertig. Noch eine Länge, und dann Feierabend. Und so setzen sie ihren Weg fort, noch für diese eine Länge; und gleichsam, wie sie ihrem Ziel immer näher kommen, wächst der Hunger, die Freude auf eine saftige Mahlzeit und ein warmes, weiches Bett. Und so geht es weiter, immer geradeaus, geradewegs auf das Ziel zu, und endlich, endlich dort angelangt, bleiben sie stehen, klopfen sich den Staub von den Kleidern, geben dem Vieh einen freundlichen Klaps. Jetzt geht es nach Hause, nach einem langen Tag anstrengender, mühsamer Arbeit. Und morgen - ja morgen geht es von vorne los!