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30.11.04

Zur weiteren Klärung der Frage, was Identität ist, haben wir uns mit folgenden Punkten beschäftigt:

  • Gedankenexperiment zur Identität: "Das Schiff des Theseus"
  • Identität unter dem Gesichtspunkt der Logik
  • 2 Texte zur personalen Identität (von John Locke und Jürgen Habermas)

Gedankenexperiment zur Identität: "Das Schiff des Theseus"

Kurze Zusammenfassung des Experimentes: Ein Schiff Theseus I wird repariert, wobei nach und nach jedes seiner Teile ersetzt wird. Der Kapitän bleibt die ganze Zeit über an Bord. Nach vollständigem Austausch der Teile wird das Schiff in Theseus II umgetauft, aus den alten Teilen wird erneut ein Schiff gebaut und Theseus III benannt.

Geschichtlicher Hintergrund: Nach griechischer Sage wurden jedes Jahr Jünglinge per Schiff nach Kreta gesandt, um dort dem Minotaurus geopfert zu werden und dadurch das Volk vor Unglück zu bewahren. Eines Tages war Theseus einer dieser Jünglinge: Er konnte den Minotaurus bezwingen und dem Fluch ein Ende setzen. Seither versandten die Griechen alljährlich ein nach ihm benanntes Schiff Theseus nach Kreta, um ihre Dankbarkeit auszudrücken.

Es lassen sich folgende Schlussfolgerungen aufstellen (nach Herrn Burger):

  • Theseus I = Theseus II => raum-zeitliche Kontinuität* (da der Kapitän das Schiff nie verlassen hat)
  • Theseus I = Theseus III => Struktur (I&II bestehen aus derselben Zusammensetzung von Teilen)
  • Theseus II ist nicht Theseus III (da beide Schiffe im Hafen sind)
* Beziehung, die sich über Raum und Zeit erhält / gleich bleibt

mögliche Antworten zu den Fragen zu Theseus (Antworten aus der Klasse):

a) Wie viele Schiffe gibt es?

2 Schiffe, da...
  • … das 3. das gleiche ist wie das 1. (genau gleiches Material)
  • … gesamthaft nur Material für 2 Schiffe, nicht aber für 3 vorhanden ist
  • … es nur 2 Schiffe im Hafen gibt: 1 altes und 1 neues

3 Schiffe, da…
  • … es eine Zwischenphase gibt: Das Schiff ist in der Zeit zwischen dem Austausch des 1. und des letzten Teiles nicht mehr Th I, aber auch noch nicht Th II. Durch Miteinbezug der zeitlichen Komponente ergibt sich: Th I (Schiff 1) // Th I/II (Schiff 2) // Th II und III (Schiff 1&3 bzw. Schiff 3&1 (je nachdem, ob nun Th I = Th II oder Th I = Th III ist))

b) Falls Th I nicht gleich Th II ist - ab wann ist gibt es Th I nicht mehr bzw. ab wann gibt es Th II?

  • bis alle Teile ausgetauscht sind bzw. bis das letzte Teil ausgetauscht ist
  • nach Austausch des 1.Teiles gibt es Th I nicht mehr / mit dem Austausch des letzten Teiles ergibt sich Th II (übereinstimmend mit der Theorie der Existenz einer Zwischenphase (siehe a))
  • nach der Schiffstaufe (eher nicht, da der Name doch eher ein äusserliches Merkmal ist, das nicht viel zur Identität beiträgt: So ist ein Mensch, auch wenn er sich umtaufen lässt, doch immer noch derselbe)

c) Was ist ausschlaggebender für die Identität der Schiffe: raum-zeitliche Kontinuität oder Struktur?

  • die raum-zeitliche Kontinuität (Th I = Th II): Das Schiff ist stets fahrtüchtig, man kann jederzeit damit losfahren, es ist also immer das gleiche. => Gebrauch ausschlaggebend
  • Struktur / Zusammensetzung der Teile (Th I = Th III): Die beiden Schiffe sind identisch, weil sie genau gleich aussehen, aus dem gleichen Material bestehen. => Aussehen ausschlaggebend

=> mögliche Schlussfolgerung: Die Identität von etwas ist abhängig von der Zeit und von der Struktur (Zusammensetzung)!

Platons "imaginärer Einwand" zum Experiment:

Wenn man das Experiment anhand von Platon betrachtet, gelangt man unwillkürlich zur Idee des Schiffes: Nach Platon’s Ideenlehre wären alle 3 Schiffe Abbilder der Idee, des Urbildes (des Schiffes); man müsste sich deshalb viel mehr mit der Frage nach dem Wesen des Schiffes befassen als damit, welches Schiff mit welchem (nicht) identisch ist.

Eigene Überlegungen

Das Beispiel von Theseus zeigt sehr gut die Schwierigkeit klar sagen zu können, was Identität wirklich ausmacht. Ich sehe allerdings das Problem des Experimentes darin, dass es sich einseitig auf die Identität eines Gegenstandes beschränkt: Theseus ist ein Schiff, es stellt sich die Frage, ob sich die Erkenntnisse 1:1 auf den Menschen übertragen lassen. Ich habe deshalb versucht, mir das Experiment anhand des menschlichen Körpers vorzustellen: Biologisch gesehen verändert sich unser Körper während seines Lebens ständig - wir verlieren tagtäglich Haare, winzige Hautteilchen, etc., so dass nach Ablauf von ca. 7-8 Jahre theoretisch gesehen jede Zelle vollständig ausgetauscht/erneuert ist. (Natürlich müsste man auch miteinbeziehen, dass sich während unseres Lebens nicht nur die physische Substanz, sondern auch unser Denken ändern kann. - Dies möchte ich hier aber bewusst weglassen, da davon beim Schiff nicht die Rede ist.) Man kann also sagen, dass sich das äusserlich Wahrnehmbare stets ändert und ersetzt, aber würden wir deshalb nach 7 Jahren sagen, wir seien nicht mehr der gleiche Mensch?! Ziehen wir das Beispiel noch weiter: Angenommen, ein (wohl bemerkt aussergewöhnlich begabter) Chirurg würde nun aus den "alten" Zellen einen neuen Menschen zusammenbasteln. Der "ursprüngliche" Mensch wäre von dessen Anblick wahrscheinlich durchaus erstaunt, er würde aber kaum behaupten, das sei er, sondern nur eine billige Kopie seiner selbst. Seine Umgebung würde vielleicht im ersten Moment den "zusammengebastelten" Menschen für den richtigen halten, aber würden sie es auch noch, wenn sie beide nebeneinander sehen würden, mit ihnen sprechen würden? Ich behaupte wiederum nein. (Somit eröffnet sich auch ein neuer Aspekt: Macht es nicht einen Unterschied, wer das Schiff (in meinem Fall den Menschen) betrachtet? Man selbst, oder Aussen-stehende?). Zu ähnlichen Überlegungen gelange ich, wenn ich mir das Experiment anhand der boomenden Schönheitsoperationen vorstelle: Hier wird der Mensch ebenfalls (z.T. massiv) verändert, aber sagen wir deshalb, er sei nicht mehr der gleiche? Wiederum würde ich sagen auf den 1. Blick vielleicht ja, aber über kurz oder lang wird sowohl der Mensch selbst als auch die Umgebung ihn immer noch als denselben Menschen betrachten. Ich würde also sagen, dass nicht der erneuerte Körper des Menschen sein eigentliches Wesen ausmacht, sondern eher etwas, das über die Zeit hinweg erhalten bleibt: Die meisten Menschen würden dieses etwas wohl am Ehesten als Seele definieren. Um wieder zum Beispiel von Theseus zurückzukehren, mag zwar beim Schiff die Struktur eine gewisse Rolle spielen, aber für die Griechen war vermutlich auch mehr die Idee, das was sie mit dem Schiff assoziiert haben (Freiheit o.ä.), wichtiger als die Materie.

Mit dem Unterschied Gegestand / Mensch sprechen Sie einen entscheidenden Punkt an, den wir im Unterricht ausgelassen haben. Beim Menschen spielt ja die Innenperspektive für die Identität eine entscheidende Rolle.

Ich habe dazu auch schon ein Gedankenexperiment des russische Autors Stanislaw Lem beigezogen. Ein Autorennfahrer, Johns, verliert im Laufe seiner Karriere durch Unfälle fast alle seine Organe. Diese werden jedes Mal durch künstliche ersetzt, sogar sein gesamtes Gehirn. Weil Johns die Prothesen nicht bezahlt, kommt es zu einem Prozess, in dem die Herstellerfirma deren Rückgabe fordert. Johns bzw. das Prothesenwesen gleichen Namens würden damit zu existieren aufhören. Die Firma argumentiert, dass Johns selber ohnehin nicht mehr existiere, sondern nur dieses Konglomertat von Prothesen (= Aussenperspektive). Johns ist empört, weil er aus seiner Sicht immer noch die gleiche Person ist (= Innenperspektive).

Die personale Identität scheint demnach weniger in der Zusammensetzung von Teilen zu gründen, sondern etwas über sie Hinusgehendes zu sein. Eine Schwierigkeit dabei ist, dass dieses Zusätzliche nur immer von innen erfahrbar ist. Ein andere Frage ist, wie psychische Strukturen und Prozesse mit physiologischen Sturkturen und Prozess Prozessen im Gehirn verknüpft sind (Leib-Seele-Problem). Davon abgeleitet auch die Frage, ob es möglich ist, psychische Strukturen und Prozesse in eine andere "Hardware" zu übertragen als es unser Gehirn ist (==> künstliche Intelligenz). Das wird im nächsten Semester eins unserer Themen sein. - DB

Identität unter dem Gesichtspunkt der Logik

  • 1. Grundsatz der Identität: A = A (A ist mit sich selbst identisch / etwas ist immer mit sich selber gleich)
  • 2. Satz vom Widerspruch: A nicht gleich ¬ A (Alles, was nicht A ist, ist etwas anderes, z.B. B)
  • 3. Satz vom ausgeschlossenen Dritten. Entweder A oder ¬ A (A kann nicht gleichzeitig sich selbst und etwas anderes sein)

Eigene Überlegungen

Die Grundsätze der Logik können uns eigentlich nicht wirklich zu einer Lösung bei der Frage nach der Identität helfen: Ihre Überlegungen sind zwar durchaus verständlich, jedoch bietet die Logik keine weiterführenden oder neuen Erkenntnisse, sie bleibt schlussendlich zu streng mathematisch. Ich sehe gerade darin aber auch eine wichtige allgemeine Erkenntnis bezüglich der Identität: Identität ist kein Begriff, der sich einfach mal so im Lexikon nachschlagen lässt, der in Form einer simplen, gedruckten Definition vorliegt. Unser Pass, unsere Identitätskarte scheinen zwar auf den ersten Blick unserer Identität einen festen Rahmen zu geben, sie zu bestimmen, aber die darin aufgeführten Daten (Name, Grösse, Nationalität oder gar das Foto) bleiben letzten Endes oberflächlich, sie sagen eigentlich nichts über uns aus; sie lassen sich sogar beliebig austauschen oder fälschen. Weiterhin sehe ich darin aber auch eine gewisse Paradoxie: Diese Angaben sind zwar nichts sagend, trotzdem klammert sich der Mensch in gewisser Weise an sie (sind sie doch der einzige schriftliche Beweis unserer Existenz): Wenn wir beispielsweise unseren Namen hören, fühlen wir uns sofort angesprochen und die Vorstellung, keinen eigenen Namen zu haben, würde (zumindest für mich) bedeuten, einen Teil seines Selbst zu verlieren, auch wenn mehr in einem fiktiven als in einem wirklichen Sinne.

Personale Identität (Definition nach Herrn Burger)

"Personale Identität ist die Fähigkeit, sich selber durch räumliche und zeitliche Veränderungen hindurch als gleichbleibend zu erfahren." (raum-zeitliche Kontinuität) (eigene Ergänzung: "und sich dabei von anderen Menschen unterscheiden zu können, sich als eigenständiges Individuum zu sehen")

Anschliessend fasse ich die wichtigsten Punkte der Texte von Locke und Habermas kurz zusammen:

John Locke: "Über Identität und Verschiedenheit"

Nach Locke ist das Bewusstsein ( = Fähigkeit des Menschen zu wissen, was er tut) für eine eigene Identität ( = raum-zeitlich konstant) entscheidend. Durch dieses Bewusststein unterscheidet er (der Mensch) sich von anderen.

Eine persönliche Identität zu haben bzw. eine Person zu sein bedeutet für Locke, sich selbst unabhängig von Zeit und Ort als sich selbst zu sehen. Voraussetzung dafür ist die Existenz eines Bewusstsein: Nur indem man sich seiner eigenen Handlungen bewusst ist, diese als seine eigenen auffasst und wahrnimmt, dass man eben wahrnimmt, gelangt man zu einer Identität (diese reicht dabei soweit zurück wie das Bewusstsein zurückreicht). Das Bewusstsein begleitet laut Locke das Denken und unterscheidet den einzelnen Mensch von allen anderen.

Wichtig für das Verständnis des Textes ist dabei noch zu erwähnen, dass eine raum-zeitliche Kontinuität nicht bedeutet, dass wir um Laufe unseres Lebens stets unser Denken und unsere Meinungen behalten: Der Mensch verändert sich durchaus, gewinnt an Erfahrungen und Empfindungen, dabei bleibt aber ein "harter Kern" (das Selbst /Ich) erhalten. Schön zeigt sich dies am Beispiel eines Fotoalbums: Wenn wir heute Bilder von uns vor 10 Jahren betrachten, werden wir wohl mit einem Lächeln feststellen, dass wir diesen rosa Pullover nicht mehr freiwillig anziehen würden oder der Hot Dog auf unserem Teller nicht mehr mit unserem heutigen Vegetarier-Dasein vereinbar ist. Schlussendlich würde wir aber doch alle sagen: "Das bin ich, vor 10 Jahren."

Eigene Überlegungen

Das eigene Bewusstsein erachte ich als einen zentralen Punkt bezüglich der Identität: Für den Menschen ist es sehr wichtig, sich seiner selbst bewusst zu sein und vor allem auch zu bleiben, so reden und denken wir alle gerne über unsere Erinnerungen und Empfindungen nach, sie sind ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens. Ich sehe z.B. an mir selber, wie wichtig mir Fotos oder bestimmte Gegenstände sind: Sie alle sind schlussendlich "Beweis" meiner Taten, meiner Existenz. Wenn einem diese genommen werden, (z.B. durch Gedächtnisverlust, Alzheimer) wird uns zwangsläufig auch ein Stück unserer Identität, ein Stück unseres Selbst genommen. Fraglich bzw. offen bleibt allerdings, wie Locke den Zustand des Schlafes oder einer Hypnose beurteilen würde: Bei beiden sind wir nicht bei Bewusstsein, trotzdem tätigen wir (je nach dem) Handlungen (reden, Bewegungen), die (scheinbar) Aufschlüsse über unser Ich geben können („Das Unterbewusstsein macht sich bemerkbar“, wie man zu pflegen sagt) – nicht umsonst greifen viele Menschen auf Traumdeutungs- oder Hypnosebücher zurück, um durch Analyse solcher Zustände des Nichtbewusstseins etwas über sich selbst zu erfahren.
Bei der raum-zeitlichen Kontinuität finde ich es wichtig, den eigenen Willens als grundlegende Voraussetzung dafür zu sehen (ich greife hier schon mal auf Habermas vor): Wenn ich mich (freiwillig) entscheide, ab morgen Terrorist zu werden, dann kann ich trotz dieser radikalen Einstellungsänderung ich selbst bleiben. Anders verhält es sich aber, wenn ich zu dieser Entscheidung "gezwungen werde" (ich denke dabei an das in der Psychologie behandelte Stockholmsyndrom, bei dem sich die Opfer völlig mit ihren Tätern identifizieren): Oft hört man in diesem Zusammenhang, dass Opfer sich ihrer eigenen Taten gar nicht bewusst sind (hier hätten wir ein weiteres Problem des Bewusstseins: Kann hier noch vom selben Menschen gesprochen werden, sprich, darf diese Person überhaupt für ihr Verbrechen bestraft werden?!) bzw. etwas tun, was sie unter normalen Umständen nie tun würden, da die Geiseln völlig die Sicht und das Verhalten einer anderen Person einnehmen (Sie verlieren ihr eigenes Bewusstsein, geben also in diesem Sinne ihre Identität auf => Identitätsverlust). Fruchtbares Gedankenexperiment! Was hiesse aber im ersten Fall "sie selber bleiben"? Doch nur eine FORMALE Identität, die Einheit Ihres Bewusstseins. INHALTLICH (bzgl. Überzeugungen, Wünschen, Selbstbild usw.) wären Sie kaum die selbe. Gerade da zeigt sich wie Schwäche oder die Abstraktheit von Lockes Konzept der Person. - DB

Jürgen Habermas: "Vernünftige Identität"

Nach Habermas ist unsere personale Identität immer von einer sozialen Identität abhängig: Wir wachsen in einem System von Regeln und Normen auf und erst wenn wir uns damit auseinandersetzen und unseren Platz in der Gesellschaft finden, können wir eine eigene Identität heranbilden. Identität baut sich schlussendlich nicht nur von Innen aus, sondern sie muss auch von Aussen anerkannt werden.

Persönliche Identität bedeutet für Habermas mit sich selbst identisch zu bleiben, unabhängig von (unumgänglichen) Veränderungen in der Persönlichkeitsstruktur (dies ist jedoch nur möglich, wenn diese Veränderungen von einem selber besonders aber von ANDEREN - DB anerkannt werden können). Habermas unterscheidet zwischen personaler Identität (individuelle Identität; an eigenen Werten orientiert) und sozialer Identität (Identität in der Gruppe/als Mitglied einer Gruppe; an allgemeinen Rollen, Erwartungen, Normen & Regeln orientiert), wobei letztere die Bedingung für die Identität des Einzelnen darstellt: Das Bewusstsein allein reicht nicht zur Entwicklung einer Identität, sondern das Bild von sich selbst muss auch von aussen anerkannt werden. Habermas beschreibt dabei die individuelle Identitätsentwicklung als einen Prozess, den er am Beispiel des Kindes illustriert: In einer ersten Phase lernt das Kind sich von seiner Umwelt zu unterscheiden und abzugrenzen und so eine natürliche Identität aufzubauen. Um danach in einer zweiten Phase zur Person zu werden, muss das Kind lernen, sich in seiner sozialen Umwelt einzugliedern zu wissen, seinen Platz zu kennen. Indem es sich in derselben integriert und dabei eine Rollenidentität (Rollenbilder können z.B. der Beruf oder die Stellung innerhalb der Familie sein) entwickelt, erlangt es eine Ich-Identität. Zuletzt zeigt Habermas die Paradoxie des "Ich"-Begriffes auf: Das Wort "Ich" ist bei allen das gleiche (wird von jedem Menschen (und das sind ja bekanntlich weltweit nicht gerade wenige!) verwendet) und doch ist es für jeden etwas ganz Persönliches, die Bezeichnung seiner eigenen Person.

Eigene Überlegungen

Der Mensch darf nicht nur als für sich stehendes Wesen betrachtet werden, sondern auch seine Umwelt ist von hoher Bedeutung: Unser Platz in der Gesellschaft gibt uns eine Rolle, eine Aufgabe - Wir wissen, wie wir uns verhalten müssen/sollten, erhalten durch die Gruppe eine gewisse Sicherheit, einen Halt (So ist beispielsweise wichtig, sagen zu können "Ich bin Schweizer(in)" und dadurch eine gewisse Orientierung, eine Zugehörigkeit in der Welt zu erlangen (wir werden Teil von etwas Grösserem)). Gleichzeitig schränken diese Normen die natürliche Identität auch ein (wir können nicht alles tun, was wir gerne möchten), aber gerade dadurch wird der Mensch dazu angeregt, sowohl seine eigenen Normen als auch die der Gesellschaft kritisch zu überdenken. Die schwierige aber auch wichtige Aufgabe des Menschen erscheint mir dabei, sich einerseits in die Gesellschaft einzugliedern, seine eigenen Vorstellungen aber dabei nur in dem Masse einzuschränken, in dem sie für einen selbst vertretbar bleiben: Weder eine völlige Versteifung auf die eigenen Werte und Wünsche, noch eine einseitige Anpassung an die Umgebung kann zu einer wirklichen Persönlichkeit führen. Wenn ich das in Ihrem Alter auch so klar hätte sehen können... wink - DB

In der Existenz in der Gruppe sehe ich noch eine weitere wichtige Grundlage für eine eigene Identität: diejenige der Unterscheidung. Sowohl bei Locke (Titel: „Über Identität und Verschiedenheit“) als auch bei Habermas (das Sich-Unterscheiden (Z.9/10)) nimmt die Differenzierung, das Anders-Sein eine zentrale Rolle ein: Jeder möchte eine einzigartige, individuelle Person sein. Damit wir diese Feststellung überhaupt machen können, braucht es andere Menschen: Erst indem wir mit anderen zusammenleben, sehen wir, was wir eigentlich sind, was wir (nicht) können, lernen wir unsere Schwächen aber auch unsere Stärken kennen. Diesen Vergleich brauchen wir schlussendlich auch, um uns immer weiter-zuentwickeln, um uns selbst zu hinterfragen. Der Mathematikspezialist beispielsweise schätzt und erkennt seine Fähigkeiten erst, wenn er sieht, dass es andere gibt, die diese Fähigkeit nicht besitzen und er lernt erst, stets an denselben zu arbeiten, wenn er sieht, dass es andere mit ähnlichen Ambitionen gibt. Zusammenfassend finde ich das Beispiel des Baumes von Kant (5. Satz des Weltbürgertums) sehr passend: Der Baum, der isoliert für sich steht wächst zwar frei, aber auch schief und ungeordnet, während der Baum im dichten Wald, konfrontiert mit seiner Umgebung, seinen Mitmenschen, schliesslich schön und gerade wächst!

Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Habermas und Locke

  • Bei Locke wird die personale Identität allein durch das Bewusstsein ermöglicht, während Habermas die Wichtigkeit von Bewusstsein und Anerkennung von aussen (im Allgemeinen die Existenz einer sozialen Identität) betont
  • Habermas schildert die Identitätsentwicklung als eine 2-phasigen Prozess (bei Locke gibt es keine Entwicklung, das Bewusstsein ist einfach vorhanden)
  • Habermas’ Text ist im Allgemeinen ausführlicher, so erwähnt er beispielsweise die Paradoxie des Ich-Begriffes.

  • Sowohl Locke als auch Habermas betrachten die raum-zeitliche Kontinuität als wichtiger Bestandteil der Identität
  • Für beide ist das Verschiedensein / die Unterscheidung von anderen stark mit Identität verbunden.

Kritik an Habermas und Locke

Zusammenfassend könnte man also sagen, dass für eine gelungene Identität sowohl die individuelle Lebensgeschichte, das eigene Bewusstsein, als auch die Einbettung in eine soziale Identität wichtig sind. Klingt also nach einer einfachen So-finde-ich-zu-meiner-Identität-Formel. Oder etwa doch nicht?! Kurz angesprochen wurde im Unterricht, dass es sich sowohl bei Locke als auch bei Habermas um einen traditionellen Ich-Begriff handelt: Die Dynamik und Aufsplitterung der Aussen- und Innenwelt wird entweder völlig ausgeblendet (Locke) oder unterschätzt (Habermas: die soziale Identiät ist feststehend).

Eigene Überlegungen

Mobilität und Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft können in der heutigen Identitätsfindung ein ernsthaftes Problem darstellen: Es ist nicht mehr möglich, eine Identität zu bilden und dann aufrechtzuerhalten, sondern dieselbe sieht sich immer wieder mit neuen Situationen und Veränderungen konfrontiert. Die Rollenbilder von Mann und Frau beispielsweise lassen sich nicht mehr mit 100%iger Sicherheit festlegen, ja sie vermischen sich sogar zunehmend. Zwar bringt diese Entwicklung viele Freiheiten für beide Geschlechter mit sich, gleichzeitig aber auch die Schwierigkeit, mit denselben umzugehen. War früher die Frau Synonym für Haushalt und Kindererziehung (oder so ähnlich…), hat das Rollenbild der Frau von heute viele Facetten, wobei sich diese nicht selten widersprechen: So muss eine erwerbstätige Frau und Mutter beispielsweise je nach Situation zwei völlig unterschiedliche Rollen einnehmen: der Bankchef erwartet von ihr einen professionellen und gewinnbringenden Umgang mit Geschäftspartnern, während das Kind zu Hause mit viel Gefühl und Liebe umsorgt werden will; die einzige Gemeinsamkeit der Forderungen des Chefs und des Kindes ist ein verlangter 24h/Tag-Einsatz seitens der Frau. Aber auch innerhalb der Rolle im Beruf kann es Widersprüch-lichkeiten geben: Die Frau muss, will sie sich im harten Businessleben durchsetzen, professionell und selbstbewusst auftreten. Tut sie dies in einem zu festen Masse, wird schnell einmal behauptet: Das ist ja gar keine Frau mehr, die ist völlig gefühlskalt und berechnend (sie erfüllt den ihrem Geschlecht zugeschriebenen Grad an Sentimentalität nicht), ist sie allerdings zu feinfühlig und kann sich nicht durchsetzen, wird ihr Inkompetenz unterstellt (sie erfüllt ihre Rolle als professionelle Angestellte nicht).

Ausblick und Aufgaben für die nächste Stunde
  • Lektüre Text H. Keupp: Was sind die Bedingungen für eine gelingende Ich-Entwicklung unter der heutigen Dynamik unserer Umwelt (Aufsplitterung der sozialen und ökonomischen Umwelt)?
  • "Mein Identitätsmanagement": Verfassen eines Textes zum eigenen Erleben unter den von Keupp gesammelten Aspekten des Identitätsmanagements

Beeindruckend! Sehr präzise Wiedergabe des Lektioneinhalts mit ausgezeichneten und sehr dichten eigenen Überlegungen. Genau so habe ich mir das vorgestellt. Zumindest, was die Qualität betrifft. Von der Ausführlichkeit her übertreffen Sie jede Erwartung bei weitem!! - DB

-- ManuelaStadelmann - 21 Dec 2004