Daniel Sidler: Theodore Rousseau / La Ville de Thiers

14 Jan 2005 - 00:25 | Version 4 |


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Das Kunsthaus in diesem Städtchen Aarau, in dem ich auf meiner ersten grossen Reise durch Europa, die mich mit all den meisterhaften Künsten und Künstlern vertraut machen soll, bloss einen kleinen Zwischenhalt einlege, habe ich nur besucht, weil mich die verwirrende, aber vielsagende Aufschrift am Gebäude angezogen hatte. Natürlich rechnete ich nicht damit, ausgerechnet hier mit meiner Vergangenheit konfrontiert zu werden:

Ich war weithin der einzige, der an jenem sonnigen und warmen Frühsommertag des 5. Mai ohne Hast und ohne Eile dem romantischen Fluss Allier entlang nach Norden in Richtung St. Rémy schlenderte, nur die Natur und das, was sie mir bot, aufsog und genoss, ohne dabei an das zu denken, was ich noch alles hätte unternehmen und wo ich noch überall hätte hingehen können. Es hatte mich bis dahin nie gereizt, in die weite Welt hinaus zu reisen, warum auch, wenn ich doch in meiner Heimat Glück und Zufriedenheit gefunden hatte. Meine Heimat hatte ich nur spärlich verlassen, nie hatte ich Paris gesehen, wohin die Touristen von weither strömten, aber dort hätte ich als Naturbursche mich sowieso eingeengt und gleichzeitig verloren gefühlt in der Weitläufigkeit der Grossstadt.

Gegen Mittag jenes besagten Tages liess ich mich bei einem Grenzstein in einer Waldlichtung nieder, von dem aus ich einen herrlichen Blick auf die etwas erhöhten Häuser meiner Heimatstadt Thiers geniessen konnte. Aber heute war ich nicht der Einzige, der seine Mittagsruhe an diesem schattigen Plätzchen verbrachte. Etwas weiter links von mir sass in einer bunten Wiese angelehnt an einen Baumstumpf ein älterer, bärtiger Mann mit Stirnglatze, der so sehr mit seinem Pinsel beschäftigt war, dass er den Blick nur kurz von seinem Papier hob, um mir als Begrüssung zuzunicken. Mich faszinierte, wie der Maler mit dem genauen Blick eines Beobachtenden, um auch ja kein Detail, keine Schattenstelle und kein Ästchen zu verpassen, die Natur förmlich in sich aufzusaugen schien, während ich mit entspannteren aber nicht minder landschaftsliebenden Augen träumend dasass. „Sie sind nicht von hier, gnädiger Herr, ich kenne Sie nicht“, sprach ich mit meiner knabenhaften Stimme zu ihm. Heimatliebe kann es also nicht sein, was Sie antreibt, ein Bild dieses herrlichen Ortes zu malen.“ „Da gebe ich Ihnen recht, mein junger Mann, ich stamme nicht aus dieser Gegend, aber trotzdem liebe ich diesen Ort, wie jeden anderen, den ich male. Denn er ist nicht nur von Gott geschaffen, sondern Gott ist in ihm, wie er sich in allem befindet.“ Obwohl ich das Gespräch gerne weitergeführt hätte, wagte ich nicht, dem Maler, der ein weiser und gebildeter Mann zu sein schien, zu widersprechen. Stattdessen nutzte ich nun die Gelegenheit, das fast fertige Bild zu betrachten. Auf den ersten Blick kam es mir wie eine skizzenhafte Zeichnung vor, erst bei genauerem Betrachten nahm ich wahr, wie gewissenhaft und feinfühlig der Maler jede Einzelheit wahrgenommen und aufgezeichnet hatte. Mir gefiel das Bild auf Anhieb. Nicht nur, weil es den meiner Meinung nach wundervollsten Anblick der ersten Häuser der Stadt zeigte, sondern vor allem auch die düsteren Farben entsprachen ganz meinen Eindrücken und Vorstellungen von meiner verlorenen Stadt, die sich, verlassen von der in Scharen wegströmenden Jugend, in Zukunft mit der Rolle als Heimatstätte einiger naturliebender Nostalgiker würde begnügen müssen.

Ich hatte damals geglaubt, ich würde ewig zu eben diesen Menschen gehören, doch wie Sie nun sehen, hat es mich fortgetrieben. Aber trotzdem bleibt mein Herz ewig aufs engste mit meiner Heimat verbunden und es ist gerade dieses Bild, das bei mir die stärksten Emotionen hervorruft.

„Für Sie, gerade für Sie male ich dieses Bild“, führte der Maler das Gespräch weiter, während er mit grosser Sorgfalt am rechten unteren Bildrand das Dach der Hütte unterhalb des Hügels malte, wo wir als Kinder immer gespielt hatten. „Betrachten Sie nur diese Hütte. Bestimmt haben hier oft Kinder gespielt. Der oberflächliche Betrachter sieht nur ein heruntergekommenes Holzhaus. Es sind Menschen wie Sie, welche die Geschichten dazu erzählen.“ Wie recht er doch hatte! Mir schossen tausend Anekdoten durch den Kopf. Vom Baum, den er bereits begonnen hatte, dem aber noch die Krone fehlte, war ich als kleiner Junge einmal heruntergefallen, als ich versucht hatte, auf das Dach unserer Hütte zu klettern. „Es erzählt meine Kindheit,“ meinte ich lächelnd. „Ihr Bild ist ein wahres Meisterwerk, es hätte einen Platz im Louvre verdient.“ „Ach, junger Mann, das Leben lehrt einen, dass es immer anders kommt, als wir gerne möchten. Mein Gemälde wird sich keiner ruhmreichen Zukunft erfreuen. Es wird irgendwo, wahrscheinlich sogar nicht einmal in Frankreich, in einem kleinen Kunsthaus hangen, wo es kaum jemand beachten und schon gar niemand kennen wird. Nur vielleicht wird eines Tages ein Reisender aus der Region von Thiers in jener Stadt vorbeiziehen und mein Bild wieder erkennen, wenn er denn das Bedürfnis verspürt, sich der Kunst hinzugeben. Ich glaube, das ist der Grund, warum ich dieses Bild male.“

Der weise alte Mann sollte recht behalten. Hier in Aarau habe ich nun, ohne zu suchen, dieses unvergessliche Meisterwerk wieder gefunden. Bei seinem Anblick verlor ich mich in den Erinnerungen meiner Kindheit, meine Gedanken schweiften ab zu jenem unvergesslichen Frühsommertag. Das Bild hat mich dazu inspiriert, über meine Geschichte nachzudenken und sie Ihnen weiterzugeben, wie Sie Ihre wertvollen Erinnerungen weitererzählen können.

Kommentar von Andi: (MaassStilleben) Schön zu lesen, es schliesst sich gekonnt ein Kreis um die ganze Aufgabe. Besonders gefallen mir die Gespräche mit dem Maler- die hätte ich ein wenig mehr ausgekostet. Sonst kann ich nur sagen, dass es wohl keiner besser hätte machen können! Liebe Gruess