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Nora Rohner // Urs Luethi // Champion III // 1976

14 Jan 2005 - 00:25 | Version 3 |

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“Schrecklich!” “Dieses Gesicht!” “Dieser arme Kerl!” Das hast du doch eben gedacht, als du in diesen Raum gekommen bist und mich auf dem Foto gesehen hast, nicht wahr? Du hast mich mitleidig angeschaut und dir über das Gesicht gestrichen. Schnell hast du deinen Blick wieder abgewandt, den Titel unter dem Bild gelesen und dich gefragt, wie ein so erbärmlicher Mensch mit einem entstellten Gesicht und einem Tierpelz im Schoss ein Champion sein kann. Doch hast du dir auch überlegt, was es denn ausmacht, ein Champion zu sein? Natürlich, ein Champion ist einer, der etwas Großartiges geleistet hat, der eine Heldentat begangen hat – das wissen wir ja alle. Doch kann ein Champion nicht auch ein ganz gewöhnlicher Mensch sein, ein Mensch wie du oder gar ein Mensch wie ich? Ein Champion, da schwebt uns doch ein Bild eines glücklichen Menschen vor. Jetzt fragst du dich wahrscheinlich, wie denn ein Mensch mit einem solchen Gesicht glücklich sein kann. Doch sag mir, warum sollte ich nicht glücklich sein? Weil ich nicht dem entspreche, was wir Menschen als schön bezeichnen? Aber muss man denn schön sein, um glücklich zu sein? Schau dir das Fell an, das ich in meinem Schoss halte. Es ist weich, fühlt sich wundervoll an, es sieht auch schön aus. Ja, das ist etwas Schönes, findest du nicht? Doch es ist tot – und ich, ich lebe. Ja, dieses Fell hat keinerlei Leben mehr in sich, es wird nie wieder glücklich sein, es ist nur ein Opfer unserer Begierde nach Schönheit. Ich habe mich gefragt, ob denn für uns Menschen die Schönheit über dem Glücklichsein steht? Hat glücklich zu sein für uns weniger Wert als schön zu sein? Doch bedeutet zu leben denn nicht auch einfach glücklich zu sein? Kein Mensch kann leben, nur weil er unserer Ansicht nach schön ist. Aber schau mich an, schau mir ins Gesicht. Was siehst du? Nein, ich bin nicht schön, es ist keine Freude mich zu betrachten. Aber siehst du nicht auch das Lächeln auf meinen Lippen und in meinen Augen? Ich lächle, weil ich glücklich bin, und ich bin glücklich, weil ich lebe, und ich lebe, weil ich glücklich bin. Und ist das nicht auch eine Art von Schönheit? Das Fell in meinem Schoss wird nie wieder glücklich sein, wird nie wieder leben, wird nie wieder die Chance haben mit einem lebenden Körper und einem lächelnden Gesicht verbunden zu sein. Ich hingegen lebe und bin glücklich, und ich lächle, weil ich keinen Grund habe, dies nicht zu tun. Vor mir liegt nichts, als eine unendliche Weite; alles steht mir offen. Dem leblosen Fell in meinen Händen wurde diese Weite weggenommen, jegliche Wege wurden ihm versperrt, wurden ihm unmöglich gemacht zu begehen. Ich aber sehe nichts, was mich daran hindern könnte glücklich zu sein, zu leben. Ich sehe nur diese unberührten Wege, die darauf warten, von mir begangen und entdeckt zu werden. Spielt es da eine Rolle, wie mein Gesicht aussieht? Ich bin ein Champion, weil ich bin, was ich bin. Ich lebe und ich bin glücklich – mit allen meinen Makeln und in meiner ganzen Schönheit. Und wenn ich das kann, kann jeder Mensch ein Champion sein, auch du!


Kommentar:

Martina: Ich finde Deinen Text sehr gut. Für mich hatte das Bild eher eine negative, anklagende Aussage, bei Dir ist die Aussage positiv und motivierend, das finde ich sehr interessant.