You are here: NKSA » DeutschUnterricht » KunstHaus » WilfriedMoser

Corinne Rüegger// Wilfried Moser// Métro//1965

Streetlife


Mtro.jpg

Das Holz ist alt und morsch. Die Bretter wurden mit blauer, weisser und gelber Farbe beschmiert und schwarze Wörter, Figuren und Formen daraufgesprüht. Vereinzelt sind noch Fetzen alter Plakate und Werbungen sichtbar. Nein- dies ist kein alter Schuppen an einem Bahnhof, keine verlassene Hütte in einem Ghetto. Dies ist ein Kunstwerk von Wilfried Moser, welches im Aargauer Kunsthaus zu sehen ist.

Dieser erste Eindruck ist jedoch nicht ganz daneben. „Métro“ heisst das Bild. Es scheint also auch tatsächlich die Absicht des Malers gewesen zu sein, diese Gedanken beim Betrachter auszulösen. Als erstes fielen mir wohl die Präsenz und der Raum auf, den das Bild einnimmt. Damit meine ich nicht seine Anwesenheit oder den Platz, den es an der Wand verdeckt. Es ist kein Bild, das still in einer Ecke hängt, von niemandem betrachtet, nein. Es sagt: Hier bin ich! Schaut mich an! Allein von seiner stattlichen Grösse von 193 auf 274 cm ist es kaum zu übersehen. Die Figuren, die Wörter und Formen, alles wartet darauf entschlüsselt, zu werden. Jede Person wird sie auf unterschiedliche Weise interpretieren, jedes Auge sieht etwas anderes. Jedem, der zuhört, wird das Bild eine andere Geschichte erzählen.

Mir erzählt das Gemälde eine Geschichte über Armut, Hunger und Not. Ich sehe einen Mann, der am Boden sitzt, an eine Mauer gelehnt. Seine Kleidung ist blau-weiss gestreift- ein Sträfling. Mit Klebstreifen wurde er zum Schweigen gebracht. Wer will schon hören, was ein Sträfling zu sagen hat? Wen interessieren schon die Gründe für seine Vergehen? Zu seiner Rechten steht ein Mann ganz in Schwarz auf einen Stock gestützt. Er sieht zerbrechlich und sehr mager aus, so als ob er nur noch aus Knochen bestehen würde. Für mich symbolisiert er den Hunger, Krankheit und auch den Tod. In der rechten Hand scheint er etwas zu halten. Das Gestell eines Regenschirmes ohne Tuch, der keinen Schutz mehr bietet? Ebenfalls schwarz auf weiss ist am linken Rand fein säuberlich ein „K“ aufgemalt. Im Gegensatz zu den anderen Schriften und Wörtern hat es die Form eines gedruckten Buchstabens. Es wirkt fehl am Platz, einsam und alleine, so als würde es vom Rest des Bildes ausgeschlossen werden. Es ist genau diese Thematik, die ich in dem Bild immer wieder antreffe. Auch bei der Gruppe von Menschen, die links unten zu sehen ist, denn davor steht eine Mauer. Ob sie die Menschen gefangen hält, oder einfach von anderen trennen, ausgrenzen will? Vielleicht weil es Fremde sind, oder Kranke. Oder leiden sie bloss an der wohlbekannten Krankheit, die man „Armut“ nennt und welche sogar hier in der Schweiz vorhanden, aber auch verdrängt wird? Eine Mauer davor und man braucht nicht daran zu denken! Die grosse gelbe Fläche im Zentrum des Bildes könnte eine Türe sein. Vielleicht eine Türe in eine bessere Welt? „Ent“ ist genau an dieser Stelle zu lesen. Könnte das nicht „Enter“ bedeuten? Raus aus dem Ghetto, weg von den Leiden, in das warme Gelb der Sonne – in die Freiheit!

Ihr seht, für mich ist das Bild auch eine Kritik an der Gesellschaft. Ein Anstoss zum Nachdenken ist es auf jeden Fall, denn wenn man die Geschichten des Bildes hören will – so unterschiedlich sie auch für jeden sein mögen, dann muss man seine Augen aufmachen, kombinieren und deuten. Nur so sieht man darin mehr als nur eine Bretterwand, die an einer Metrohaltestelle steht.