Textausschnitt aus: Die Ballade von der Typhoid Mary [S. 143-144]

"Vierzehn Tage später erschien Mary vor Gericht, wo sie schwor, dass sie noch nie an Typhus erkrankt sei und deshalb auch niemanden habe anstecken können. Ein Mediziner (nicht Soper, seltsamerweise) trat als Experte auf und behauptete, allen ihren Schwüren zum Trotz, es seien in ihren Fäkalien Typhus-Bazillen nachgewiesen worden, womit er zwar recht hatte, das Gericht aber dennoch, wie der junge Anwalt nachwies, gegen die Verfassung verstiess. Trotzdem, Mary musste noch für drei Jahre in ihre Isolation zurück, bis endlich das Gesundheits-Departement mit schlechtem Gewissen den Beschluss fasste, sie gleichsam auf Widerruf zu "begnadigen". Mary musste ein offizielles Versprechen abgeben, sich auf keinen Fall als Köchin zu betätigen. Auch nicht als Verkäuferin von frischen Lebensmitteln. Ausserdem habe sie die Pflicht, sich alle drei Wochen beim Gesundheits-Departement zu melden. O'Connor hatte gesiegt, Mary bedankte sich, wurde auf freien Fuss gesetzt und verschwand. Sie brach ihr Versprechen sofort, erfand immer neue Namen für sich, kochte - als Hilfsköchin - in Restaurants und Hotels, dann wieder in gehobenen Häusern. Seltsam, sie wurde nie verdächtigt. Nie. Mary blieb gesichtslos für die Öffentlichkeit. Sie war gealtert. Hie und da brachen Fälle von Thyphus aus, und die Zeitungen witzelten, und wenn jemand, der nicht besonders geliebt wurde, starb, pflegte man sich zuzuflüstern, der oder die Verblichene habe sich leider die Rühreier von der Typhoid Mary zubereiten lassen. Zeitweise geriet der wunderbare Vorname Maria in Verruf. In Feinschmecker-Restaurants galt es als Spass, jemandem die Lust am Essen zu verderben, indem man erzählte, die Köchin des Lokals heisse Mary."

Informationsquelle: http://www.svbbpt.ch/

-- MarkusSchaller - 27 Nov 2002