Peter Handke: Die Angst des Tormanns beim Elfmeter

Inhalt:

Ein Mord geschieht, der Täter reist in ein Dorf an der Grenze, seine Entdeckung durch die Polizei steht bevor. Dies ist der Fall des ehemaligen Tormanns Josef Bloch.

Krankengeschichte (Anamnese)

• Krankengeschichte: Wie wird die Grenze zwischen normalem und pathologischem Verhalten überschritten?

• Vorgeschichte bleibt sehr spärlich wie bei professionellen Krankengeschichten

• Der psychischen Desintegration geht die soziale voraus (Promiskuität, Vereinsamung)

• Rätsel der Schizophrenie bleibt ungeklärt: Wie kommt es dazu? Was kann diese Erzählung zu diesem Grenzüberschritt sagen?

Psychiatrie, Krankengeschichte und Literatur

• Die Psychiatrie kategorisiert Symptome, zeigt weniger die Krankengeschichte auf

• Diese Mängel können von der auf Empathie (Mitgefühl) bedachten Literatur wettgemacht werden

• Bei Döblin, Mann, Broch, Musil, Bernhard werden derangierte Zustände in künstlerisch überhöhter Form ausgearbeitet (Th. Mann „Der Tod in Venedig“)

• Handke hingegen ist nüchtern, gar unterkühlt in seiner Erschliessung schizophrener Wirklichkeitsflucht, beinahe wissenschaftlich

Phänomenologie der Krankheit Blochs

• Zorn, beschimpfen

• Zustand der Panik; fortschreitende Irritation

• Möglichst wenig wahrnehmen wollen, nicht wahrnehmen wollen: Angst vor dem Wahrnehmen. Bedrohende Wahrnehmungen häufig bei Schizophrenie.

• Zweideutigkeit der Phänomene und Reaktionsweisen

• Akkumulierung des Angstpotentials

• Routine geht verloren, das Selbstverständliche ist weg

• Hin und her zwischen Fluchtbedürfnis und Fluchtverhinderung überwindet Bloch durch Mord an der Kinokassiererin

• Invertierte Kriminalgeschichte

• Grundloser Mord, der im Rahmen von Blochs Wahrnehmungen keinen besonderen Stellenwert hat

• Flucht vor sich selbst

• Die Sprache büsst ihre Selbstverständlichkeit ein

• Auffassungsgabe ist beeinträchtigt

• Artikulierte Wirklichkeit erreicht Bloch nur noch in verstellter Form und Irritation

• Semantische und syntaktische Artikulation wird nicht mehr aufgenommen

• Aufdringlichkeit der Umgebung und Wörter

• Sensorische Erfahrungen eines vom sozialen Zusammenhang abgeschnittenen Daseins

• Gesteigerte Sensibilität: Blochs Gehör ist sehr empfindlich

• Halluzinationen

• Echtheit der Erfahrung ist verloren; alles ist nur ein Witz, Verstellung und Getue bzw. mechanisch

• Zwänge

• Selbstverlust

Existentialphilosphie und Ekel

• Anschluss an den Existentialismus: Phänomenologie des Angstverhaltens wird von Handke sehr genau beschrieben

• Ekelhaftigkeit der eignen Person (Gregor Samsa)

• Ekel als Merkmal der Existentialphilosophie

• Begegnung der eignen Wildheit, des eigenen Jähzorns

• Paranoia

Bild des Torwarts

• Bild des Torwarts: Subjektzentrismus, alles ist auf das Subjekt bezogen

• Der Tormann ist im Spiel das Zentrum

• Wie alle Spieler auf ihn, gegen ihn drängen, hat der Psychotiker ständig das Gefühl, beobachtet zu werden, während man die Beobachter nicht wahrnehmen kann, alles drängt auf einen ein: der Schuss am Schluss auf den Tormann

• So bleibt nur noch das panische Schauen in eine Umwelt, die jetzt in ihrer Gesamtheit als feindbesetzt erscheint

• Die Natur ist nur noch eine Serie von Stilleben, in denen alles auf die unerträglichste Weise voneinander abgegrenzt ist

• Photographische Aufnahmen sichern das verstörte Individuum ein wenig

Der stumme Schüler, Bloch und Handke als Parallelen

• Bei der Repräsentation der pathologische Weltsicht geht es in letzter Instanz auch um die Erforschung des schuldbeladenen Künstlergewissens Handkes und seiner eigenen Entfernung vom normalen Leben

• Wenn eine Identifizierung von Erzähler und Erzählfigur erlaubt ist, dann auch der Linie der Geschichte Bloches mit der des abhanden gekommenen Schülers

• Der armselige Schüler ist sprechbehindert oder stumm

• Er wird erst aufgefunden, als auch die Zeit für Bloch beinahe abgelaufen ist, woraus sich die Parallelität der Schicksale abmessen lässt

• Bloch erkennt diesen Zusammenhang jedoch nicht

• Das verschrobene Porträt in der Zeitung kann er nicht in eins sehen mit dem frühen Tod des Schülers

• Hier wird die Zerstörung der Kindheit deutlich, indem der tote, stumme Knabe die eigene, wortlose Kindheit verdeutlicht

• Der arme Schüler ist die Chiffre eines Bewusstsein, ein Emporkömmling aus gar keinem Milieu zu sein

• Die Krankheit der Erzählfigur (Bloch) und die Biographie des Erzählers (Handke) treffen sich so in dem angesichts der gesellschaftlichen Normalität illegitimen Dasein von Krankheit und Kunst, die auf verschiedenen Weise an das erinnern, was in den Kindern zugrunde gerichtet wird

Literatur: W.G. Sebald: Die Beschreibung des Unglücks. Fischer 1994

-- MarkusSchaller - 04 Feb 2003