Franz Kafka

Franz Kafka wurde am 3. 7. 1883 als Sohn eines tschechisch-jüdischen Vaters und einer deutsch-jüdischen Mutter geboren, gehörte somit allen drei im damaligen Prag vertretenen Völkern an. Die Eltern waren von einem starken Willen zum materiellen Erfolg geprägt und ständig auf sozialen Aufstieg bedacht, besonders der Vater bevormundete den sensiblen und introvertierten Sohn, der sich doch zeitlebens nicht von der als Einengung empfundenen Familie trennen konnte („Brief an den Vater“, Nov. 1919). Zu seiner Schwester Ottla entwickelte er eine besonders enge Beziehung. Nach dem Besuch des humanistischen Gymnasiums studierte Kafka Jura und hatte 1907 mit Staatsexamen, Doktordiplom und Referendarjahr alle Voraussetzungen für eine erfolgreiche Berufslaufbahn erworben. Er wurde Versicherungsangestellter, zuerst in einer privaten, seit 1908 in der halbstaatlichen „Arbeiter-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag“. Er stieg rasch in eine leitende Stellung auf, in der er die Welt der Arbeit erlebte, weil er Industriebetriebe in Gefahrenklassen einzuteilen hatte. Die Situation der Arbeiter, das Gefühl des Ausgeliefertseins des modernen Menschen an Mächte, die er als anonym erlebt, waren ihm eine tägliche Berufserfahrung. Aber sein Beruf war ihm „unerträglich, weil er meinem einzigen Verlangen und meinem einzigen Beruf, das ist die Literatur, widerspricht.

Kafka schloss sich einem Kreis Prager Literaten an, von denen Max Brod als Freund und späterer Nachlassverwalter - Kafka wollte alle seine Schriften vernichtet wissen - eine grosse Bedeutung gewann. Aber anders als seine Freunde veröffentlichte er nur sehr wenig, teils weil seine Texte den hohen Anforderungen an sich selbst nicht genügten, teils weil sie ihm zu sehr von autobiographischem Interesse bestimmt schienen, aber gerade das war für ihn der Hauptantrieb zum Schreiben.

Aus Bruchstücken seiner Wirklichkeitserfahrung baut er eine Welt der Selbstentfremdung des Menschen, der Lebens- und Existenzangst, der Unterworfenheit unter anonyme Mächte, der Orientierungslosigkeit und des Alptraums. Damit ist aber sein Werk nur unzulänglich gekennzeichnet, gerade Kafkas Texte verfügen über eine Vielschichtigkeit, die viele Bedeutungen eröffnet. 1912 schrieb Kafka in einer einzigen Nacht seine Erzählung DasUrteil, die 1913 im Druck erschien und seinen Ruhm begründete. Die folgenden Jahre waren bestimmt durch die Entstehung des Romans DerProzess und die Beziehung zu Felice Bauer, mit der sich Kafka zweimal verlobte, ehe er die Bindung Ende 1917 wegen einer bei ihm festgestellten offenen Tuberkulose endgültig löste. Neben der Arbeit am DerProzess, der heute als sein Hauptwerk angesehen wird, schrieb Kafka eine Reihe von Erzählungen: DerHeizer (1913), InDerStrafkolonie (1914), DieVerwandlung.

1922 erreichte er seine vorzeitige Pensionierung und beendete den Roman DasSchloss, der heute als Spiegelbild zum DerProzess aufgefasst wird. Mit Hilfe der jungen Dora Demant gelang ihm die Loslösung von Prag und vom Elternhaus. Er übersiedelte mit ihr nach Berlin, wo die letzen Arbeiten entstanden. Im März 1924 verlangte sein Gesundheitszustand die Rückkehr nach Prag, was er als endgültige Niederlage gegenüber dem Vater und dem Leben empfand. Am 3. 6. 1924 starb Kafka in einem Sanatorium in der Nähe von Wien. Die 1925 und 1927 veröffentlichten Romane erregten die Öffentlichkeit. Kafkas Werk gilt heute als einer der wichtigsten der gesamten Weltliteratur.

-- MarkusSchaller - 26 Nov 2002