Erste lange Nacht der Historienfilme

Sie lagen im Zimmer 202 der Kantonsschule, im vorderen Teil der Aula oder unter freiem Himmel auf dem Mensadach, rollten sich in Schlafsäcke oder verwickelten sich in Hängematten. Sie spürten den Regen nicht mehr, der sanft auf sie hinunter rieselte, hörten weder Filmmusik noch wilde Schiessereien, welche bisweilen heftig auf sie danieder prasselten und träumten süss von Ferien. Andere begannen offenbar - morgens um 5 Uhr mit Landkarten bewaffnet in verschwörerischer Gestik um einen Mensatisch sitzend – diese Träume in Realität um zu setzen. Wiederum andere trotzten in dieser letzten Nacht des Schuljahres 2002 / 2003 nachhaltig den Naturgewalten, verkauften feine Sandwichs, Kuchen und Rivella, sympathisierten nachts um 3 Uhr mit Roberto Benigni und überwanden die Schwerkraft ihrer Augenlieder bis zum gemeinsamen Frühstück morgens um halb 8 Uhr in der Mensa. Und zuletzt gab es sicher auch SchülerInnen und Schüler, welche in kleinen Gesprächsgruppen gemeinsam mit den anwesenden Lehrern darüber sinnierten, weshalb dieses Schuljahr denn überhaupt schon wieder zu Ende sei. Kurz und gut: Seltsames ereignete sich in diese Nacht vom 3. auf den 4. Juli in den Gemächern der Kantonsschule Sursee. Was war passiert?

Es ist die Krux des Geschichtsunterrichts, den Schülerinnen und Schülern die wichtigsten historischen Entwicklungen, Ereignisse und Methoden bis zur Matura in nur wenigen Lektionen nahe bringen zu müssen. Dass da neben harter Knochenarbeit kaum Zeit bleibt, um sich lange Historienverfilmungen zu Gemüte zu führen, erstaunt keines Falls. Dass sich aber die Schülerschaft eben solche möglichst langen Filme sehnlichst wünscht, verblüfft eben so wenig. Dass jedoch gut 300 Kantonsschülerinnen und -schüler ihre letzte freie Nacht vor den Sommerferien opfern, um eine Auswahl von Historienfilmen stellvertretend für das Schuljahr komprimiert zu visieren, lässt aufhorchen!

Zusammen mit ihrem Geschichtslehrer, Philipp Schaufelberger, hat es die Klasse 3a geschafft, eine für alle angenehme und unvergessliche „Erste lange Nacht der Historienfilme“ zu organisieren. Angeboten wurden in der Aula 4 Spielfilme, welche von den anwesenden SchülerInnen ausgewählt werden konnten. Daneben wurde im Singsaal ein ansprechendes Rahmenprogramm feil geboten. Dieses wurde durch Roman Hellmüller (3c) betreut und reichte von den zweit platzierten Historienfilmen über Dokumentarfilme bis zu von Schülerinnen der 3a exzellent zubereiteten und ansprechend servierten Gaumenfreuden.

Für einen nach Gladiator durchaus angenehmen Rhythmuswechsel sorgte um 23 Uhr die zum grössten Teil aus (Ex)-SchülerInnen der Kanti bestehende Irish-Folk Band Planxty Irwin. Im schlicht beleuchteten Lichthof der Kanti verstand sie es ausgezeichnet, ihrem Publikum zu gefallen und dieses teils in besinnliche Tiefen, teils zu waghalsigen Tanzsprüngen zu verführen. Die Stimmung war gut und manch einer hätte wohl gerne noch länger den aufmunternden Flötentönen gelauscht. Derweil leitete in der Aula der zuverlässige Chef-Operateur, Pirmin Walthert, schon die nächste Abstimmung: Braveheart sollte die Schülerschaft aus Irland ins mittelalterliche Schottland entführen.

Auch in der zweiten grossen nächtlichen Pause gegen 2 Uhr morgens wartete der Unentwegten, welche sich bis jetzt noch nicht schlafen gelegt hatten, eine angenehme Überraschung. Vlasta Salopek und Christian Stucki hatten sich in der Küche betätigt und Ravioli gebraut, welche von der KSS spendiert worden waren. Die Ravioli mundeten. Dass nicht alle fertig gegessen worden waren, hat sich für einmal nicht negativ auf das Wetter ausgewirkt. Zwischen den Wolken machte sich eine schwache Neumondsichel bemerkbar. – Vermutlich konnte die späte Nachtzeit als mildernder Umstand geltend gemacht werden. Mild, aber eher traurig, sollte es denn auch im Filmprogramm weitergehen. Das Aulapublikum wählte La vita è bella und verbannte einen weiteren Kriegsfilm, Saving Private Ryan, ins Rahmenprogramm. Ansonsten schienen die nächtlichen Stunden wie im Fluge zu zerrinnen. Die vom letzten Kantifest her bewährte Sicherheitscrew mit Robert Regli, Urban Marti und Otti Steiger blieb – zusammen mit Martin Steiger und Andy Hasler – gleich pausenlos im Einsatz. Dass bis zum Morgen kein ernsthafter Zwischenfall verzeichnet wurde, spricht für ihre konsequent und gleichsam menschlich verrichtete Arbeit, aber auch dafür, dass die Schülerinnen und Schüler diese Nacht zu schätzen wussten und dass sie eine „Zweite lange Nacht der Historienfilme“ nicht im vornherein durch suboptimales Verhalten vereiteln wollten.

Als dann im Hauptprogramm mit Matrix I ein Blick in eine digitale Zukunft und im Nebenprogramm mit der Schweizer Filmwochenschau ein Blick in die reale Vergangenheit des 2. Weltkriegs geworfen wurde, waren wohl alle langsam müde.

Offenbar aber machten Morgendämmerung und der in die Räume trällernde Vogelgesang manchen wieder munter. Nur so lässt sich erklären, dass sich pünktlich um halb acht alle eines gemeinsamen Frühstücks erfreuten, bei welchem die frischen Gipfeli weg gingen wie anno dazumal die frischen Weggli. - „Schön war’s“, sagten sich alle Beteiligten und teilen wohl auch die Überzeugung, dass solche gemeinsamen Erlebnisse nicht nur eine interessante Abwechslung, sondern auch eine unentbehrliche Bereicherung des Schulalltags sind und sein müssen!

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-- PhilippSchaufelberger - 09 Jul 2003