Kolonialisierung Chinas

Ein Text von Christian Stocker, Ehem. KS Sursee zum Imperialismus in China

1. Allgemeiner Überblick über China

Die Volksrepublik China (Zhonghua Renmin Gong-heguo) ist mit einer Fläche von 9.572.419qkm der drittgrößte Staat der Welt.

Wie man auf der Karte erkennen kann, grenzt es im Norden an Kasachstan, die Mongolei und die Russische Förderation, im Osten an Korea und im Sueden unter anderem an Vietnam, Indien und Nepal. Im Westen grenzt es an Indien, Pakistan und Afghanistan.

Die Hauptstadt ist Peking (Beijing). Die größten Metropolen befinden sich zumeist im Osten des Landes. Der Westen mit seinen über 8000m hohen Bergen ist verhältnismäßig spärlich besiedelt. Etwa ein Drittel des Landes ist Gebirge. Zu den bekanntesten Gebirgen zählen Himalaja, die Altai-Berge und die Kunlun - Berge. In China findet man eine Vielzahl unterschiedlicher asiatischer Kulturen, was sich auch anhand der Sprache widerspiegelt. Größere Gruppen sprechen Fukienesisch, Kantonesisch, Xiamenhua und Hakka. Autonome Regionen haben sogar ihre eigene Sprache wie beispielsweise Tibetisch und Mongolisch. Die Amtsprache jedoch ist das Mandarin.

Laut Verfassung von 1982 ist China ein "sozialistischer Staat unter der demokratischen Diktatur des Volkes, der von der Arbeiterklasse geführt wird und auf dem Bündnis der Arbeiter und Bauern beruht".

Regiert wird das ,,Reich der Mitte" von dem Nationalen Volkskongress, der faktisch nur aus der kommunistischen Partei besteht. Zwar existieren daneben noch andere demokratische Parteien, diese sind jedoch praktisch ohne politische Bedeutung.

Durch das religionsfeindliche Verhalten der kommunistischen Partei unter Mao Zedong ist ein Großteil der Bevölkerung , nach Schätzungen etwa 70%, religionslos. Trotzdem bekennen sich etwa 20% zum Daoismus und den traditionellen chinesischen Volksreligionen und etwa 6% zum Buddhismus. Daneben gibt es noch rund 20 Millionen Muslime und 20-28 Millionen Christen.

Im folgenden zweiten Teil soll es um die geschichtliche Entwicklung des Landes gehen, wobei es hierbei nicht darum geht, einen kompletten historischen Überblick zu liefern. Vielmehr geht es darum dem Leser verständlich zu machen, dass Geschichte und traditionelle Wertvorstellungen immer noch sehr eng mit heutigen Normen und Verhaltensmustern zusammenhängen und somit einen starken Einfluss auf das Leben der Chinesen hat.

2. Schule in China 19. Jahrhundert bis 1986

Durch die Missionierungsversuche der verschiedenen christlichen Kirchen wurden seit dem 14. Jahrhundert Schulen in China gegründet, die westliches Gedankengut verbreiteten. Dieses System der christlichen Bildung wurde bis zum Anfang des 20. Jahrhundert ausgebaut. Weitere große Erfolge in der Übertragung der europäischen Weltsicht und Wissenschaft wurden in Folge der ,,Kolonialisierung" erreicht. Durch die Niederlage in den Opiumkriegen im 19. Jahrhundert und der Niederschlagung des Boxeraufstands Anfang des 20. Jahrhunderts musste China für sich sehr unvorteilhafte Verträge annehmen, die den Europäern enorme Rechte im Land der Ersten Sonne zusicherten. Infolge dessen kamen immer mehr Europäer nach Asien. Sie gründeten Schulen in ihrer Heimatsprache (z.B. Deutsch, Französisch, Englisch), die auch einige reichere Chinesen besuchen durften. Durch beide genannte Gründe wurde die traditionelle Bildung erneuert und erweitert.

In China selbst kam es am Anfang des 20. Jahrhunderts zu ersten Reformen durch den Kaiser und nach dessen Sturz in der ausgerufenen Republik. Doch all diese Bemühungen hatten im schlussendlich keinen größeren Erfolg. Nach einem Jahrzehnt der Bürgerkriege kam Mao und mit ihm die Kommunistische Partei an die Macht. Sie hatten als ehrgeiziges Ziel innerhalb von 30 Jahren die allgemeine Hochschulpflicht einzuführen. Jeder Chinese musste daher die gesetzten Voraussetzungen dazu erfüllen. Außerdem wollte sie einen "neuen Menschen" schaffen, der sowohl Arbeiter als auch Intellektueller ist. Um dies zu erreichen, wurden Schulen und Universitäten mit Betrieben zusammengelegt. Die Schüler mussten sowohl zur Schule gehen, als auch auf dem Feld bzw. in der Fabrik arbeiten. Außerdem wurden aufgrund des Lehrermangels die Lehrkräfte aus Arbeitenden rekrutiert, die zwar in ihrem Fach ( z.B. als Bauer - Feldarbeit) gut waren, jedoch keine pädagogische Ausbildung genossen hatten. Dadurch musste der Lehrplan vereinfacht werden, wodurch für die breite Masse ein relativ niedriges Bildungsniveau erreicht wurde

Auch die Erwachsenen mussten sich in Abendschulen fortbilden. So wurde im großen und ganzen ein einheitliches Niveau erreicht, das mit den heute gestellten Anforderungen zwar nicht mithalten könnte, jedoch schon einmal eine Basis darstellt. Zur Bildung und Arbeit kamen auch Unterricht in der Ideologie und die Einführung in militärische Grundlagen. Erst nach dem Tod Maos 1976 änderte sich das Bildungssystem grundlegend und es wurde ihm ein neuer Stellenwert zugemessen. Um den Bedarf an Fachkräften zu decken, war es erforderlich, das Bildungssystem auszubauen. Zuerst wurden Eliteschulen (sog. Schwerpunktschulen) wiedereingeführt, um die Qualität der Bildung zu erhöhen. Die Schuldauer wurde verlängert und die körperliche Arbeit neben der Schule stark eingeschränkt. Schwerpunkte dieser Bildungsreform waren die Einführung der allgemeinen Schulpflicht, die Anhebung der Qualität der Lehrer, der Ausbau der Berufsschule, Reformierung des Hochschulsektors, sowie die Abschaffung des Analphabetentums.

3. Fünf große revolutionäre Bewegungen

Dabei stehen die Missionare der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts anders als die Kaufleute und Diplomaten in direktem Kontakt mit dem einfachen Volk. Sie liefern die umfassendsten Informationen über China nach Europa und USA (jetzt erst wird in Harvard der chinesische Teil des Archivs des American Board of Foreign Missions ausgewertet). Sie unterstützen auch die religiös-sozialrevolutionäre Befreiungsbewegung: gegen den politischen Despotismus des fremdländischen Mandschu-Regimes und die geistige Knebelung durch einen traditionalistischen Konfuzianismus. So versteht man, dass die Chinesen, die auf den europäischen Kolonialismus und Imperialismus reagierten, die christlichen Missionare zunächst als ihre Verbündeten ansehen. Innerhalb eines Jahrhunderts vollziehen sich nun fünf große revolutionäre Bewegungen, die in China schließlich gewaltsam zu einem epochalen Paradigmenwechsel zur Moderne (Paradigma VI) führen sollten und erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch antimissionarischen, antichristlichen Charakter haben: 1. Die Taiping-Bewegung, von den Missionaren und ihren Heimatgemeinden geistig und finanziell unterstützt, für ein christliches "himmlisches Reich des höchsten Friedens" 1851-1864: ein Bauernaufstand mit religiös-christlicher und politisch-nationaler Ideologie für die gleichberechtigte Erziehung von Männern und Frauen, ein Ausgleichssystem zwischen reichen und armen Regionen und eine "kommunistische" Abschaffung des Privateigentums. Eroberung von fast ganz Süd- und Südostchina und der Hauptstadt Nanking. Schließlich niedergeschlagen von Truppen aus acht "christlichen" Ländern im Auftrag der chinesischen Regierung. Insgesamt 20 Millionen Tote. 2. Der Boxeraufstand im Zeichen der "Fäuste der Rechtlichkeit und Eintracht" 1900: zuerst gegen die "fremde" Mandschu-Herrschaft, dann gegen die westlichen Fremdmächte und schließlich auch gegen die Missionare, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts weniger auf das nahe Reich des Himmels ausgerichtet waren als auf die Etablierung kolonialer Kirchen. Belagerung des Pekinger Gesandtschaftsviertels. Getötet werden der deutsche Gesandte und andere Diplomaten, 250 Missionare und rund 30 000 chinesische Konvertiten. Schließlich niedergeschlagen von einem Expeditionskorps aus Deutschland, Frankreich, England, Japan und den USA. Hohe Sühneleistungen Pekings. 3. Die Nationale Revolution der Jungchinesen für Demokratie, Nationalismus und Volkswohlfahrt (Agrarreform), angeführt vom Arzt Dr. Sun Yatsen. Am 12. Februar 1912 dankt der letzte Qing-Kaiser Puyi im Kindesalter ab. Abschaffung der Monarchie, Ende des 2200-jährigen Kaiserreichs und Errichtung einer Republik. 1919 die Vierte-Mai-Bewegung, ausgelöst von den Pekinger Studenten, wendet sich gegen die konfuzianischen Werte (Gehorsam, Ehrfurcht vor dem Alter, Höflichkeitsformen und Riten). Nach Sun Yatsens Tod 1925 wird Chiang Kaishek Anführer der Revolutionspartei Kuo-min-tang. Er versucht 1927 die bisher verbündeten Kommunisten zu liquidieren und zögert die Landreform hinaus. 4. Der Aufstieg der chinesischen Kommunistischen Partei 1924-34; 1947-49: mit einer nationalistischen (gegen die Japaner) und sozialen (zur Mobilisierung der Bauern) Tendenz auch radikal gegen das Christentum, die "imperialistische Fremdenlegion". Gewaltsame Einigung Chinas und Proklamation der chinesischen Volksrepublik am 1. Oktober 1949 durch Mao Zedong: "Das chinesische Volk ist auferstanden" Sofort erfolgen Ausweisung aller ausländischen Missionare, Verbot der kirchlichen Presse sowie Konfiszierung aller Schulen, Krankenhäuser, karitativen Anstalten und sämtlichen Kirchengutes. Von der Partei geforderte und geförderte Drei-Selbst-Bewegung: Selbstunterhaltung, Selbstverwaltung und Selbstverbreitung der chinesischen Kirchen. 5. Die Große Proletarische Kulturrevolution 1966-76: Maos Frau, die "Viererbande" und die Roten Garden gegen die "Vier Alten": alte Bräuche, alte Sitten, alte Ideen, alte Kultur und somit natürlich auch gegen alles Religiöse und alles Westliche: Beschädigung oder Zerstörung zahlloser Heiligtümer. Erst nach Maos Tod erfolgt seit 1977 eine Wende von Staat und Partei zu einer mehr pragmatischen Religionspolitik, die nun freilich zeigt, dass, wie die anderen Religionen, so auch das chinesische Christentum mittels kleinerer Gruppen und "Hausversammlungen" am Leben geblieben ist und sich nun in engen reinreligiösen Grenzen weiterentwickeln kann (Kirchen, Priesterseminare, Bibelübersetzungen).

Situation Chinas im ausgehenden 19. Jahrhundert: http://www.mckinsey-bildet.de/downloads/w5_poster_kremer_andreas.pdf