Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 7. Dezember 2002

Der Irak im Visier

Ein Präventivkrieg gegen Saddams Regime Die Argumentation des Irak-Experten Kenneth Pollack In der seit Monaten kontrovers geführten Debatte um einen möglichen Krieg gegen das irakische Regime von Saddam Hussein hat namentlich in der angelsächsischen Presse ein vor kurzem erschienenes Buch des Irak-Experten Kenneth Pollack grössere Beachtung gefunden. Pollack, ein Mitarbeiter der Administration Clinton, plädiert für den Sturz Saddams, um einem Einsatz von Massenvernichtungswaffen vorzubeugen.

Von Walter Laqueur*

Ob und wann es Krieg mit dem Irak geben wird, weiss man nicht. Doch mit Sicherheit steht fest, dass es noch nie in der Geschichte der Menschheit einen Krieg gegeben hat, der so viel diskutiert wurde, bevor er überhaupt ausgebrochen ist. In dieser Debatte ist das Buch von Kenneth Pollack der bisher gewichtigste Beitrag und wird es wohl auch bleiben. Der Verfasser war im Laufe von zwölf Jahren der führende Irak- Experte in Washington, erst in der CIA, dann unter Clinton im Nationalen Sicherheitsrat. Er ist Demokrat, und obwohl er 1990 einer der wenigen war, die Saddam Husseins Einmarsch nach Kuwait vorhersagten, hat er in den neunziger Jahren vor einem «rollback» gewarnt (so etwa in einem Artikel 1999 in «Foreign Affairs»). Sein vor kurzem erschienenes Buch ist die umfassendste und verlässlichste Darstellung des Irak- Problems seit dem Aufstieg von Saddam Hussein. Selbst diejenigen, die mit seinen Thesen nicht übereinstimmen, geben zu, dass die Lektüre dieses Bandes unerlässlich ist für eine kompetente Meinungsbildung zum Thema Irak.

Besser jetzt als später Pollack ist mit einigem Zögern und erheblichen Vorbehalten zu dem Schluss gelangt, dass der Irak entwaffnet und das Regime von Saddam Hussein beseitigt werden muss. Die Frage sei nicht, ob man Saddam Hussein angreife, sondern wann, und er glaubt, dass es besser bald geschieht als in der weiteren Zukunft. Die Alternativen haben nicht funktioniert, weder «containment» (also eine Eindämmung oder Isolierung des Regimes) noch die Sanktionen, und die Inspektionen hält der Verfasser für sinnlos und eine Zeitvergeudung.

Pollack glaubt, dass es unwichtig ist, ob es eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Regime in Bagdad und al-Kaida gibt, das Entscheidende für ihn sind die Massenvernichtungswaffen. Zwar glaubt er nicht, dass es einen Angriff auf die Vereinigten Staaten geben könnte, aber er hält es für durchaus wahrscheinlich, dass diese Waffen eine Rolle zur Entfesselung eines Krieges im Nahen Osten spielen würden, der dann zu einem grösseren Konflikt führen würde. Auch hält er es für keineswegs ausgeschlossen, dass Saddam sich auf einen Stellvertreterkrieg einlässt, also Terroristen mit diesen Waffen ausrüstet. Dann, wie der Autor schon früher argumentiert hat, wird es schwierig, wenn nicht unmöglich sein, im Falle eines solchen Angriffes nachzuweisen, von welcher Seite die Initiative kam.

Saddams Risikobereitschaft Warum sollte Saddam sich auf derartige Abenteuer einlassen? Nicht weil er immer irrational handelt, aber weil seine Ambitionen weitreichend sind und er immer noch bereit ist, grosse Risiken einzugehen, auch wenn sie, wie die Vergangenheit gezeigt hat, zu Niederlagen führen können. Pollack enthüllt Tatsachen, die bisher nicht bekannt waren. Während des Golfkrieges drohte Washington Saddam mit sehr ernsthaften Konsequenzen, wenn er die Ölquellen und die Ölindustrie von Kuwait sprengen lassen sollte. Doch Saddam war bereit, dieses Risiko auf sich zu nehmen, und nachdem keine vernichtende Antwort erfolgt war, sah er sich bestärkt in seiner Annahme, dass ihm und seinem Regime im Grunde keine grosse Gefahr drohe.

Von Kriegsbegeisterung ist in diesem Buch keine Spur zu entdecken, der Verfasser hält es für durchaus möglich, dass die Zahl der Opfer sowohl auf amerikanischer Seite als auch unter den irakischen Soldaten wie auch der Zivilbevölkerung grösser sein könnte als angenommen - vor allem wenn ein Angriff mit unzureichenden Mitteln erfolgt. Für Pollack ist ein militärischer Schlag gegen das irakische Regime kein Spaziergang und auch keine hinterhältige Intrige zur Ausweitung des amerikanischen Imperiums, sondern eine strategische Notwendigkeit zur Erhaltung des Friedens. Dieser Notwendigkeit kann sich seiner Meinung nach nur entziehen, wer entweder an Wunder glaubt oder die Absichten von Saddam Husseins Regime nicht wahrhaben will.

Welche Alternativen? Was lässt sich gegen die Argumentation von Pollack einwenden? Wenig, wenn man das Problem Saddam Hussein sozusagen isoliert betrachtet. Das Ziel, die Ausschaltung seiner Clique und die Vernichtung seiner Waffen, ist nicht nur wünschenswert, sondern notwendig, wenn man Verwüstung und Krieg in ein paar Jahren vermeiden und die Verbreitung von nicht konventionellen Waffen wenn nicht stoppen, so doch verlangsamen will. Die meisten Kritiker der amerikanischen Politik befassen sich zwar mit allen möglichen schlimmen Folgen eines Präventivkrieges, ziehen es aber vor, die Alternativen zu ignorieren.

Was sich gegen Pollack einwenden lässt, ist in Kürze Folgendes: Für einen Präventivkrieg ist ein breiter Konsens notwendig, ein Erkennen der Notwendigkeit zum Handeln, und diesen Konsens gibt es heute noch nicht. Das heisst, man muss einen Angriff von Seiten des Iraks oder eines ähnlichen «Schurkenstaats» in Kauf nehmen, bis sich dann die Erkenntnis über die Notwendigkeit einer internationalen Aktion durchsetzt. Zweitens könnte man argumentieren, dass der Kampf gegen die Proliferation (die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen) ohnehin aussichtslos ist, dass auch die Vernichtung von Saddam Hussein und seinen Waffen nur einen Aufschub bedeuten würde. In der Konsequenz wäre dann daher jeder Staat gut beraten, wenn er sich so bald wie möglich mit so vielen Massenvernichtungswaffen wie möglich ausrüstet, um in der Welt von morgen zu überleben.

Schliesslich kann man einwenden, dass der Irak nicht der einzige Gefahrenherd in der Weltpolitik ist und dass es denkbar ist, dass es in den nächsten Jahren in einem anderen Teil der Welt, wo Atombomben bereits vorhanden sind, zu einem akuten Konflikt kommt. Dieser grundsätzliche Einwand würde bedeuten, dass sich die Welt mit grosser Wahrscheinlichkeit einer Katastrophe nähert, gegen die man nichts unternehmen kann. Mit diesem Argument aber wollen sich Pollack und diejenigen, die so denken wie er, nicht abfinden.

* Der Autor lebt als Publizist in Washington. Zurzeit arbeitet er am Wissenschaftskolleg in Berlin.

Kenneth M. Pollack: The Threatening Storm; the case of invading Iraq. Random House, New York 2002. 494 S., $ 24.95.

-- PhilippSchaufelberger - 25 Dec 2002