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Entscheidungssituationen bei Kierkegaard und bei Sartre – ein Vergleich

14 Jan 2005 - 00:27 | Version 4 |

Entscheidungssituationen im Leben eines Einzelnen haben bei Kierkegaard und bei Sartre eine grosse Bedeutung. Der Einzelne wird dazu aufgerufen, sich für ein Leben zu entscheiden. Die beiden Existenzialisten unterscheiden sich jedoch in ihrer „Entscheidungsphilosophie“ grundlegend. Bei Kierkegaard richtet sich alles auf eine Existenzmöglichkeit aus, während Sartre von seinem Grundsatz „Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt“ ausgeht.

Kierkegaard:

Kierkegaard unterscheidet zwischen drei Existenzmöglichkeiten. Im ästhetischen Stadium lebt der Mensch nach sinnlichen Bedürfnissen und Genuss, er verhält sich bloss anschauend und geniessend, nicht tätig, nicht verantwortlich. Wie Kierkegaard dieses Stadium definiert, so ist der Mensch vom Äusserlichen abhängig und hat sich daher noch nicht selbst gewählt. Eine zweite Existenzmöglichkeit ist gemäss Kierkegaard das ethische Stadium. In diesem ist das Leben geprägt von Entscheidungen. Der Mensch ergreift unter den Möglichkeiten, die er hat, die eine und verwirft die anderen. Die Freiheit des Menschen vollzieht sich als Entscheidung. Die Art, wie Kierkegaard auch dieses Stadium definiert, führt zum Schluss, dass auch hier der Mensch nicht wahrhaft sich selbst werden kann. Erst im religiösen Stadium kann der Mensch, gemäss Kierkegaard, sich selbst werden. Er argumentiert hierbei so, dass er den Glauben als eine bestimmte Lebensform darstellt und der Mensch sich somit bewusst für eine Existenzmöglichkeit entscheidet, d.h. dass er so zu sich selbst findet. Der Mensch muss nach Kierkegaard den Schritt ins religiöse Stadium wagen, um sich selbst zu werden. Kierkegaard sagt, jeder Mensch besitze eine individuelle Aufgabe. Diese muss der Mensch, um volle Freiheit zu erlangen, in freier Wahl verwirklichen. Bei Kierkegaard ist wohl der Mensch frei bei der Wahl, ob er die wahren Zwecke des Lebens verwirklichen will; was er aber im Leben tun soll, kann er seinerseits nicht selbst bestimmen, das religiöse Stadium ist die einzig wahre Existenzmöglichkeit. Laut Sartre ist die grundlegende Wahl der Lebenszwecke jedoch sowohl unbestimmt, wie auch ohne jeden objektiven Massstab.

Sartre:

Sartre führt keine Kriterien auf, welche Entscheidung richtig ist und welche falsch. Der Mensch ist gemäss Sartre zur Freiheit verurteilt und kann sich unmöglich für eine einzige Existenzmöglichkeit entscheiden. Verurteilt sind wir, weil wir uns nicht selbst erschaffen haben (AnSich). Frei sind wir, weil wir in jedem Augenblick unseres Lebens über alles, was wir tun oder nicht tun, frei entscheiden (FuerSich). Das heisst natürlich nicht, dass wir einfach tun und lassen können, was wir wollen. Doch im Rahmen unserer Möglichkeiten sind wir dennoch frei, für alle Probleme, die sich uns in unserer jeweiligen Situation stellen, eigene Lösungen zu finden. Verurteilt sind wir dazu, weil wir gar nicht darum herum kommen, ständig über unser Leben zu entscheiden. Selbst wenn wir uns zur Untätigkeit, zur Passivität entschliessen, bleibt das unser eigener Entschluss. Dies bedeutet, dass jeder Einzelne eine grosse VerAntwortung wahrzunehmen hat: VerAntwortung ergibt sich notwendig da, wo es auch Freiheit gibt. Da der Mensch, gemäss Sartre, immer frei bleibt, so hat er auch immer mit einer VerAntwortung zu leben. Durch jede unserer Entscheidungen entscheiden wir nicht nur über unser eigenes Leben, sondern auch über das Leben aller anderen Menschen. Denn mit jeder Entscheidung fügen wir allen möglichen Entscheidungen eine tatsächlich gefällte Entscheidung hinzu, die von nun an alle anderen Menschen bei ihrer Wahl zu berücksichtigen haben. Hier lässt sich ein einfaches praktisches Beispiel aufführen: Schreiben und Lesen sind Entscheidungen (und somit Handlungen), ich entscheide mich dafür, zu schreiben und zu lesen und dafür über etwas Bestimmtes zu schreiben bzw. zu lesen, also diesen Aspekt der Welt zu enthüllen und nicht jenen. Also trage ich auch hier VerAntwortung. Alle anderen haben nun bei der Wahl ihrer Entscheidung die meinige zu berücksichtigen.

Fazit:

Täglich haben wir Entscheidungen zu treffen, die unser Leben mehr oder weniger nachhaltig beeinflussen. Entscheidungen sind für mich hierbei Momente unseres Lebens, die dieses in eine konkrete Richtung leiten, sie sind also eine Art „Weiche“. Diese Weiche kann unser Leben nachhaltig beeinflussen, indem sie uns eine klare Richtung vorgibt. Ich kann mich, in Bezug auf Entscheidungssituationen, eher mit der Philosophie Sartres anfreunden. Kierkegaards Argumentation scheint mir, wenn er sagt, nur das religiöse Stadium sei das wirklich Wahre, zu religiös zu sein und deshalb wohl auch etwas fremd. Für Sartre hingegen gibt es kein einzelnes Stadium, welches das wirklich Wahre ist, er lässt dem Menschen völlig offen, wie er sich entscheidet. Wichtig ist nur, dass er sich überhaupt entscheidet. Dies scheint mir ein sehr wichtiger Punkt zu sein: Entscheidungen bringen den Menschen stets weiter – ohne Entscheidungen kommt man im Leben nicht weit!

-- JoeneGassmann - 26 Nov 2002