OraKel (lat. oraculum, griech. manteion) nennt man sowohl die Stätte, meist ein Heiligtum, an der man sich von einer Gottheit Antwort auf eine gestellte Frage erbat, als auch den dort erteilten Götterspruch selbst. Es gab verschiedene Formen des Orakels: Los-, Zeichen-, Toten-, Traum- und Spruch-OraKel. In der Zeit vor den Perserkriegen vor der Ausbildung der Wissenschaften genossen die OraKel große Bedeutung. Das Orakelwesen wurde von der Religion des Apollon, des bedeutendsten Orakelgottes, wesentlich geformt. ApolLon besaß an vielen Orten in Griechenland und Kleinasien Orakelstätten, alle diese übertraf Delphi, das lange Zeit der religiöse Mittelpunkt der griechischen Welt war. Es gab Auskunft in kultischen Fragen (u. a. auch bei der Kolonisation), ordnete Sühnemaßnahmen bei Blutschuld an und wirkte humanisierend auch bei der Gesetzgebung. Neu aufgestellte Verfassungen erhielten dort ihre Sanktionierung. Bei Anfragen, die zukünftige politische Ereignisse betrafenm nahm Delphi Zuflucht zu gewollt dunklen oder zweideutigen Formulierungen (Orakel des Kroisos). Die griechische Aufklärung im 5. Jahrhundert v. u. Z. übte Kritik auch am Orakelwesen und trug so zu seinem Niedergang bei. Die Orakel wurden geschlossen oder führten ein Schattendasein, ihre Tätigkeit beschränkte sich auf sakrale und private Angelegenheiten. Im 2. Jahrhundert u. Z. blühten manche Orakel wieder auf (Delphi, Klaros), die weitreichende Wirkung des von Alexander von Abonuteichos (Paphlagonien) neu eingerichteten Orakels beweist die Orakelgläubigkeit der damaligen Zeit. Das aufkommende Christentum bekämpfte das Orakelwesen und untersagte es nach seinem Siege ganz. Neben den an bestimmten Orakelstätten gegebenen Orakeln liefen im Volk Orakel um; sie wurden in politisch unruhigen Zeiten Mittel der Manipulierung oder drückten den Haß der unterworfenen Bevölkerung gegen ihre Herren aus (der Jude gegen die Römer, der Christen gegen die Heiden), Sie wurden daher gelegentlich von der Regierung eingezogen; eine Orakelsammlung sind die Oracula Sibyllina.

-- AstridFrey - 24 Nov 2002