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Pylos und Tiryns:

Herrensitze und kyklopische Burgen Mykenische Könige herrschten in der Regel über größere zusammenhängende Provinzen, die Herrscher Athens vermutlich über das heutige Attika, jene von Mykene über weite Teile der Argolis, die von Pylos, wie wir aus den Linear-B-Tafeln im Palast wissen, auf denen Details der Verwaltung behandelt werden, über weite Teile des heutigen MessEnien. Von den Großresidenzen waren vermutlich Sekundärzentren abhängig: In Attika zählt dazu etwa ThorIkos, in der Argolis muss man die Burg von Tiryns oder jene von Midea-Dendra vermutlich als von Mykene abhängig begreifen. Ob es neben dieser durch solche Kleinkönigreiche geprägten politischen Struktur ein übergreifendes Herrschaftssystem unter Führung Mykenes gegeben hat, muss beim heutigen Forschungsstand offen bleiben. Im 14. Jahrhundert v. Chr. erfolgt zeitlich parallel zum Niedergang der minoischen Kultur auf Kreta der Ausbau der mykenischen Residenzen zu monumentalen Burganlagen und großen Palästen. Den Charakter einer mykenischen Burganlage veranschaulicht am besten Tiryns. Gewaltige, kyklopische Mauern umschließen das Areal der Burg, die auf einem niedrigen, lang gestreckten, in nordsüdlicher Richtung orientierten Kalksteinhügel die Ebene der Argolis überragt. An einigen Stellen sind unterirdische, durch einen Spitzbogen gewölbte, überdeckte Kasematten, die zur Magazinierung von Vorräten dienen konnten, in die Mauer hineingebaut. Eine Eingangsrampe, die so angelegt ist, dass angreifende Feinde ihre rechte, durch den Schild nicht gedeckte Seite den Verteidigern darboten, läuft parallel zur Mauer und biegt zu einem von einem einfachen Durchlass gebildeten Tor um. Dieses Tor führt in einen langen, beiderseits von Mauern eingefassten und durch weitere Toranlagen gegliederten Zwinger. Erst danach weicht der Festungscharakter dem architektonischen Luxus der Palastresidenz: Eine Sequenz von drei Hofanlagen, zum Teil von Säulenstellungen eingefasst, und Torbauten öffnen nach wiederholtem Umknicken der Achsenführung den Eintritt zum Palastzentrum. Der Palast hat die typisch mykenische Form des Megaron, eines großen Rechteckbaus mit vorgezogenen Antenwänden. Zwei auf steinernen Basen stehende Holzsäulen bilden den Eingang. An eine schmale Vorhalle, deren äußere Fassade durch Pfeiler gebildet wird, schließt der fast quadratische eigentliche Thronraum an. In seiner Mitte liegt ein großer, fest installierter, flacher, runder Herd; vier Säulen stützen das Dach des Megaron; der Thron des Herrschers liegt an der vom Eintretenden aus rechten Längswand des Saales. Das Megaron und andere Räume des Palastzentrums waren in Tiryns reich mit Freskenmalereien geschmückt. Die Burg von Tiryns war wie vermutlich alle anderen mykenischen Residenzen auch von einer Unterstadt umgeben, der eigentlichen Wohnsiedlung. Im geringen Abstand folgten dann an der Peripherie die Nekropolen, die als Wohnstätten der Toten von den Bezirken der Lebenden klar abgegrenzt sind. Anders als in den minoischen Palästen findet man in der mykenischen Palastarchitektur eine klare Achsenführung, die nach dem Prinzip der Steigerung im Megaron endet und das innere Gefüge des mykenischen Palastensembles bestimmt. Bereits die Wahl der Burg anstelle der offenen Stadtsiedlung mit einem Palastzentrum verrät eine andere Baugesinnung und deutet auf andersartige politische und soziale Verhältnisse. Dem unterschiedlichen äußeren Rahmen entspricht eine andere Binnenstruktur. Während sich in den kretischen Palästen komplexe Raumeinheiten vom Kern des Innenhofes nach außen entwickeln, legt die mykenische Architektur eindeutige Wegachsen fest, die vom Burgtor zum Zentrum der Residenz, dem Megaron, führen und sich auch gegen dieses Megaron hin konzentrieren. Eine Sonderstellung unter den mykenischen Residenzen nimmt der Palast von Pylos in MessEnien ein, der in seiner strengen, auf das Megaron ausgerichteten Planung ein besonders markantes Beispiel mykenischer Palastarchitektur bietet. Der Hügel, auf dem sich das Palastareal erhob, war hier nicht befestigt. Dies ist im mykenischen Kulturraum ohne Parallele. In Pylos wurde der Besucher über einen säulengeschmückten Torbau und einen Vorhof direkt auf das Megaron hingeleitet. Archivräume, in denen die Linear-B-Texte der Palastadministration aufbewahrt wurden und die Schreiber auch arbeiteten, sowie Magazinräume umgeben den Thronsaal im Westen, Norden und Osten. Im Südosten schlossen sich die eigentlichen Wohnräume an, darunter ein fast quadratischer Raum mit einem Herd in der Mitte, entsprechend der Herdanlage im Megaron, und ein Badezimmer mit noch erhaltener Wanne. Nebentrakte, die teils repräsentativen Zwecken dienten, teils als Magazine, zum Beispiel für Wein, sind räumlich vom eigentlichen Palastkern getrennt. Verschiedene Treppenhäuser zeigen, dass die Palastanlage von Pylos mehrstöckig war. Im ersten Stockwerk lief anscheinend eine hölzerne Galerie um den Thronsaal, während das Dach flach abgedeckt war und über dem Herd einen Rauchabzug besaß. In ähnlicher Weise waren wohl auch die Palastbauten in Mykene und Tiryns gebaut. Reicher FresKen schmuck bedeckte Wände und Fußböden mykenischer Palastanlagen. Umfangreiche Bildreste haben sich in Tiryns und Pylos erhalten; hinzu kommen Funde aus Theben, Mykene, Orchomenos und Argos. Mykenische Wandmalerei führt in IkonoGraphie und Stil Vorbilder der minoischen Kunst fort. Dies wird besonders deutlich an Denkmälern des 14. Jahrhunderts v. Chr., der Frühzeit der mykenischen Paläste. In Theben haben sich Reste eines Freskenzyklus gefunden, der minoischen Vorbildern folgend das Thema einer Prozession zu Ehren einer Gottheit variiert. Mehrere Frauen im typisch minoischen Gewand, dem Volantrock, und einem kurzen, die Brust frei lassenden Jäckchen, die außerdem durch eine überaus reiche Frisur charakterisiert sind, bewegen sich in gleichförmigem Schritt und gleichem Abstand. Sie tragen als Opfergaben Blüten, Steingefäße und Kästchen. Die Bewegung des Oberkörpers und die Armhaltung hat der Maler in überraschender Abwandlung gestaltet. Den Hintergrund bilden horizontal gewellte Bänder in wechselnden Farben: blau, weiß, gelb, die die Zonen der minoischen Prozessionsfresken aufgreifen. Das ikonographische Schema lebt bis in das 13. Jahrhundert hinein fort, wie die Malereien in Mykene, Tiryns und Pylos belegen. Dort entfalten sich die fast lebensgroßen Frauenfiguren allerdings häufiger vor einem neutralen, einheitlichen und ungegliederten Hintergrund; Auflösung des Bewegungsflusses, Verfestigung und strengerer Aufbau sind die Folge. In der mykenischen Kunst überwiegt die reine Frauenprozession im Gegensatz zu den Friesen in Knossos, auf denen Männer wie Frauen vereint sind. Vermutlich waren in Mykene bestimmte Kulte vornehmlich Frauen vorbehalten. Im Vorraum des Palastes von Pylos finden wir eine Abwandlung des Schemas: Hier nehmen Männer, zum Teil in knöchellangen Gewändern, zum Teil im Schurz, und Frauen in reicher Festtracht gemeinsam an der Prozession teil, die sich auf ein Kultgebäude zubewegt. Ein übergroß gezeichneter Stier in der Bildmitte stellt vermutlich das Opfertier dar. Dieses Bild, das aus zahlreichen kleinen und kleinsten Bruchstücken ergänzt werden musste, veranschaulicht in der Ikonographie der Tracht noch das Nachleben minoischer Vorbilder. Neu ist die Anordnung der Figuren in zwei Registern, wobei die obere Figurenreihe keine Bodenlinie besitzt. Neu ist auch die Kombination dieser beiden kleinen Friese mit der großen Stierfigur, die die gesamte Bildhöhe einnimmt. Organische Dimensionen werden also zugunsten der Bedeutungsgröße - zum Beispiel der hervorgehobene Stier - zurückgedrängt. Eine derartige Art der Abstraktion, die Format als kennzeichnende Stilfigur einsetzt, ist der minoischen Kunst in der Regel fremd geblieben. Prozessionen sind nicht die einzigen Themen religiösen Inhaltes in der mykenischen Wandmalerei. Im Thronsaal des Palastes von Pylos waren gelagerte Löwen und Greifen als mythische Wächter und ein schreitender Stier in einem Zyklus mit einer männlichen, Leier spielenden Gestalt verbunden, vor der ein großer Vogel auffliegt: vermutlich eine Gottheit oder eine mythische Gestalt. Neben den religiösen Themen nimmt die Welt des Krieges und der Jagd in der mykenischen Hofkunst breiten Raum ein. Kampfszenen schmückten das Megaron des Palastes von Mykene sowie verschiedene Räume in Orchomenos und Pylos. Die Malereien in Pylos gestalten eine besondere Stilvariante und legen eine abweichende Ikonographie zugrunde. Im Gegensatz zu den in Mykene vorgefundenen Fresken wird der Bildhintergrund durch wellige Farbbänder geteilt. Die Figuren agieren (wie zum Teil auch in Mykene) ohne Bodenlinie, frei auf der Fläche schwebend. Das Kampfgeschehen ist auch hier in Einzelszenen aufgelöst, doch differenzieren die Maler vielfach zwischen gewappneten Kriegern in mykenischer Rüstung mit Helm, Schurz und Beinschutz und ihren Gegnern, die barhäuptig mit Schurz oder - nun deutlicher als Barbaren gekennzeichnet - nur mit Fellen bekleidet sind. Der Vergleich der Kampffresken von Mykene mit jenen von Pylos belegt deutlich, dass sich in den mykenischen Palastzentren Malerschulen herausgebildet haben, die ikonographisch wie stilistisch eigene Wege gingen. Die Jagd auf Hirsche (in Pylos und Tiryns) und Wildschweine (in Tiryns und Orchomenos) scheint nach Aussage der Wandmalereien zum Lebensstil des mykenischen Adels gezählt zu haben. Ein Eberjagdfries in Tiryns hat sich in einigen Teilen aus Fragmenten rekonstruieren lassen. Nicht nur die Wände, sondern auch die Fußböden mykenischer Paläste waren in der Regel durch Malereien geschmückt. In Pylos, Mykene und Tiryns heben die Fußbodendekorationen die Thronsäle und deren Vorhallen sowie wenige andere herausragende Raumkomplexe hervor. Die Fläche des Fußbodens ist in Quadratfelder unterteilt, die durchweg ornamentalen oder vegetabilen Dekor wie Punkt- und Schuppenmuster, Wellen- und Zickzacklinien zeigen. Einzelne Bildfelder können durch figürliche Motive wie Oktopoden oder Delphine herausgehoben werden. Die Vorstufen dazu finden sich in den durch Malerei quadratisch unterteilten Fußböden in minoischen Palästen und Häusern. Gegen 1200 v.Chr. fielen die mykenischen Paläste Brandkatastrophen zum Opfer. An einigen Plätzen, so etwa in Mykene und Tiryns, kam es im Laufe des 12. Jahrhunderts zu einer gewissen Erholung, die jedoch nicht von Dauer war. Die Ursachen für die Katastrophe um 1200 v.Chr. sind in der Forschung umstritten: Innermykenische Konflikte, Naturkatastrophen, aber auch Wanderungen aus dem nördlichen Griechenland oder dem Balkanraum nach Süden sind denkbar. Prof. Dr. Hartmut Matthäus

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-- JossenMichael - 27 Nov 2002 -- EdyWermelinger - 27 Nov 2002