Jean Paul Sartre:

14 Jan 2005 - 00:27 | Version 7 |

Trägt der Mensch die Verantwortung für alle Menschen?

Jean Paul Sartre behauptete, dass der Mensch nicht nur für sein Handeln verantwortlich sei, sondern auch anstreben müsse, für alle Menschen gut zu handeln und dadurch auch die Verantwortung für alle trage. Doch kann man wirklich sagen, dass der einzelne Mensch durch sein Handeln für das Handeln der Allgemeinheit verantwortlich ist? Ist diese Verantwortung nicht etwas zu viel für den einzelnen Menschen? Dazu auch einen Vergleich mit einer Theorie Sören Kierkegaards.

Da Gott, laut dem AtheIsmus von JeanPaulSartre, nicht existiert, ist der Mensch das einzige Wesen, bei welchem die ExistenZ der EssenZ vorausgeht. Der Mensch wird in die Welt geworfen und muss sich danach selber definieren. Der Mensch plant und konzipiert seine Existenz selber, er ist das wozu er sich macht. Deshalb muss er auch die ganze VerAntwortung für seine Existenz auf sich nehmen, sie kann ihm von niemandem abgenommen werden. Darüber hinaus hat er, so Sartre, aber nicht nur die Verantwortung für das eigene Handeln, sondern für das Handeln der ganzen Menschheit. Denn weil er ein Teil der Menschheit ist, definiert er, indem er sich selbst definiert, auch diese. Die meisten Menschen versuchen aber dieser Verantwortung zu entfliehen, indem sie diese negieren. Auf die Frage: "aber wenn alle Welt so handeln würde?" erhält Sartre nur die Ausrede: "Alle Welt handelt eben nicht so". Dadurch versucht der Mensch diesen beunruhigenden Gedanken zu zerstreuen und sich der Verantwortung für alle Menschen zu entledigen. Sartre schreibt diesen Menschen eine "Art von Böswilligkeit" zu, da sie diesen Gedanken so einfach ignorieren. Nach ihm ist der Mensch verurteilt frei zu sein, da er für alles verantwortlich ist was er tut. Diese FreiHeit erscheint dem Menschen oft als Last. Auch SoerenKierkegaard lädt dem Menschen die Verantwortung für all sein Handeln auf. Für ihn zählt aber vor allem die Entscheidung. Im zweiten seiner drei Stadien, im "ethischen Stadium", verlangt er vom Menschen, dass er sich den Anforderungen des Lebens stellt und die Herausforderungen annimmt. Dadurch dass er frei ist, ist der Mensch zum Handeln gezwungen und ist auch, wie bei Sartre, gezwungen, die Verantwortung dafür zu tragen. Auch er wirft den Menschen vor sich dieser Verantwortung zu entledigen, oder stellt zumindest in seinen Schilderungen des Menschen im ersten, dem "ästhetischen", Stadium fest, dass der Mensch vor seiner Verantwortung zu fliehen versucht. Wenn der Mensch sich seiner Verantwortung bewusst wird, versucht er sich durch die Beschäftigung mit der Kunst und durch den Genuss vor der Realität zu verstecken. Sartre und Kierkegaard erkennen beide den Konflikt, der bei einer Entscheidung zwischen dem Wohl des Einzelnen und dem Wohl der Gesellschaft besteht. Die einzelne Person ist in ihrem Handeln oft eingeschränkt, da sie nicht nur für sich gut handeln soll, sondern so handeln soll, dass es für die Gesellschaft gut ist. Sartre schreibt dazu: "...nichts kann gut sein, wenn es nicht gut für alle ist..." und Kierkegaard zweifelt daran, ob eine Entscheidung überhaupt entgültig gut sein könne. Der Mensch könne gar nie mit seiner Entscheidung zufrieden sein, man sieht immer einen neuen Aspekt und der Mensch versucht es immer wieder besser zu machen. Im "religiösen Stadium" aber, welches bei Kierkegaard als, finde ich, fast ein Gegensatz auf das "ethische Stadium", das Stadium der Eigenverantwortung, folgt, weicht Kierkegaard dann aber stark von Sartre ab. Kierkegaards Philosophie läuft darin letztlich darauf hinaus, dass der Mensch seine Situation annehmen muss und akzeptieren muss, dass die Welt aus Paradoxa besteht und dass er selber nur von aussen Trost, Hoffnung und Freude erhalten kann. Dies steht auch im krassen Gegensatz zu Sartre, welcher dafür plädiert, das "in die Welt geworfen sein" des Menschen nicht passiv so zu belassen wie es ist, sondern sich selbst zu gestalten und zu definieren. Sartre kann sich von seinem atheistischen Standpunkt aus nicht wie Kierkegaard auf "Trost und Hoffnung von aussen" abstützen, sondern muss zusammen mit der Menschheit die Verantwortung für alles tragen.

Ich persönlich würde mit den Menschen nicht so hart umgehen, wie Sartre dies tut. Der Mensch kann einfach nicht gut für alle Menschen handeln. In diesem Punkt stimme ich eher mit Kierkegaard überein: Der Mensch muss nicht für alle Menschen gut handeln, sondern er soll nur schon überhaupt handeln und nicht alles an sich vorüberziehen lassen. Andererseits denke ich aber auch, dass Sartre mit dem "gut für alle handeln" nur ein Ideal sieht, dass vom Menschen so stark wie möglich anzustreben sei und nicht etwas Wirkliches. Ich finde es schade, dass Kierkegaard sich trotz der guten Theorie über den Zwang zum Handeln, sich dann doch irgendwie einem Gott zuwendet, dem er dann seine Verantwortung übergeben kann, wenn sie ihm zu schwer wird. Ich weiss nicht, ob er damit einfach als neutraler Beobachter den Menschen von aussen schildert, aber für mich tönt dies fast ein bisschen wie ein ermüdeter Aufruf zur Resignation. Der Mensch soll sich seiner Verantwortung bewusst sein und sie nicht auf Gott oder, wie Sartre kritisiert, auf "die Menschheit", welche es nur als Begriff gibt abzuwälzen versuchen. Die meisten Menschen fühlen sich klein und unbedeutend angesichts aller Menschen dieser Erde und sind sich nicht bewusst, dass sie ein Teil von "den Menschen" sind und somit auch einen Teil der "Verantwortung der Menschen" tragen. Sie haben, und wie ich zugegeben muss ich auch, oft das Gefühl, dass es ja noch genug andere Menschen gäbe, welche die Probleme dieser Welt lösen und die Verantwortung dafür übernehmen könnten. Wenn ein einzelner falsch oder gar nicht handelt, kann das ja wirklich nur sehr kleine Konsequenzen haben, wenn aber alle so handeln sehr grosse. Darum sollte sich jeder Mensch seiner Verantwortung gegenüber allen anderen bewusst sein.

-- EvelineGalliker - 19 Nov 2002